Über das Warten, den Prager Frühling und ein Stück Prinzregententorte.

Mit Worten malen. Bunte Bilder, einfarbige Bilder. Fröhliche und nachdenkliche Bilder. Momentaufnahmen wie ein Foto, wie eine kurze Filmsequenz. Ich möchte diese Momente dehnen, um sie im Kopf beim Lesen, beim Zuhören dreidimensional werden zu lassen. Ich möchte die Zeit raffen, um Wichtiges zu unterstreichen. Ich möchte die Sinne ansprechen, um hören, riechen, tasten, schmecken,  sehen, spüren zu können.

Ich möchte auch Bilder malen, die zum Nachdenken anregen sollen. Dabei kommen auch Erinnerungen auf. Erinnerungen an ganz kurze Momente. Erinnerungen, die durch Begegnungen und Situationen hervorgerufen werden, für einen kurzen Moment wieder aufleben, bevor sie im Speicher des Gehirns wieder säuberlich eingeräumt werden.

***

Im Gewirr eines wild wuchernden, ziemlich stacheligen Weißdornbusches, der nun seinen Herbstschnitt bekommt, ein kleines und nun leeres Vogelnest entdecken. Es ist in einer Astgabel verankert, aus der drei dicke Äste wachsen und das Nest sicher halten. Darüber viele kleine Zweige, die ein schützendes Dach bilden. Leider müssen diese Zweige der unbarmherzigen, aber notwendigen Beschneidung weichen, was den Blick auf das Nest freigibt. Es ist kunstvoll geflochten. Kein einziger Zweig stört das Innere, steht hervor oder davon ab. Die Aushöhlung ist kreisrund. In einer sehr regelmäßigen Schichtung wird das Vogelkükenbett von innen nach außen immer dicker. Noch hängen kleine, weiche Federchen darin fest. Fast möchte man ein Vogelküken sein, um sich dort einmal einzukuscheln.

Bei einem Filmfest im Foyer darauf warten, dass man Einlass bekommt. Die vorherige Vorstellung ist noch nicht beendet, im Saal wird wohl noch angeregt über den vorangegangenen Film diskutiert.

Sich also in einen Sessel setzen, die Augen schließen, einfach warten. Im Brabbeln der anderen Wartenden eine angenehme Hintergrundmusik empfinden. Keinen Zeitdruck haben, weder Hunger, noch Durst. Es ist angenehm warm, der Sessel bequem. Zeit haben, um Menschen zu beobachten, die sich teils ruhig, teils angeregt unterhalten. Manche warten auch einfach nur, ohne etwas zu tun. Es gibt hier im Souterrain keinen Netzempfang. So sind die Besucher sich selber, ihren Begleitern und Nachbarn ausgeliefert.

Dann amüsiert und schmunzelnd einen Besucher beobachten, der von einem Fuß auf den anderen tritt, immer wieder demonstrativ den linken Arm hebt, auf die Uhr schaut, unwirsche Laute ausstößt und dann ruft, es könne sich ja jetzt nur noch um Stunden handeln.

Dieser Moment, in dem man nur kurz die Augen schließt. In dem der Blutdruck steigt, man die Zähne zusammenbeißt und Luft durch die Zahnzwischenräume einzieht. In dem man die Hände ins Lenkrad krampft …

Das Auto ist zum Bersten gepackt, dahinter ein Anhänger mit all den Habseligkeiten und Möbeln eines WG-Zimmers, die sich in ein paar Jahren Ausbildung angesammelt haben. Aufgrund des Wetters ist man schon so spät losgefahren, dass die Dunkelheit schon angebrochen ist. Die Autobahn ist zum Glück nicht sehr voll.

Ein leichter Ruck geht durchs Auto, als wäre man über eine sanfte Welle in der Straße gefahren. Der Wagen verlangsamt. Man drückt auf das Gaspedal – vergeblich, es kommt nichts. Der Motor verstummt. Das einzige Lebenszeichen des Autos sind die Anzeigelichter am Armaturenbrett. Das Auto läuft langsam aus, man steuert den Standstreifen an und denkt nur noch: Nein! Warum? Und warum ausgerechnet an diesem gottverlassenen Abschnitt der Autobahn!

Sie treten aus dem Haus hinaus in die Kühle des jungen Herbsttages. Die Sonne blinzelt zwischen den Ästen der Bäume hindurch. Es ist Sonntag, acht Uhr morgens. Fast mag man die Autotür nicht zuschlagen aus Sorge, jemanden unsanft zu wecken. Bei einem alten Auto machen Türen und Kofferraum nun mal mehr Lärm, bis sie geschlossen sind. Leise fahren sie an.

Die Hauptstraße ihres Dorfes führt an einer Pferdekoppel vorbei. Die Pferde darauf ruhen noch.

Eine Frau mittleren Alters fällt ihnen auf, die entgegen der Fahrtrichtung die Straße entlangläuft. Sie trägt einen eleganten, leuchtend lilafarbenen Overall, ein dünnes graues Jäckchen, eine Abendtasche und recht hochhackige, der Situation nicht gerade angemessene Schuhe. Während die Frau erstaunlich schnell läuft, tippt sie etwas in ihr Handy ein.

200 Meter weiter fahren sie an einem Haus vorbei. Es ist ein recht stattlicher, moderner Bungalow. In der Einfahrt zum Grundstück steht ein Mann. Sein weißes Hemd mit offenem Kragen hängt ihm aus der schwarzen eleganten Hose. Hosenträger baumeln ihm rechts und links vom Hosenbund an den Oberschenkeln herab. Sein ergrautes Haar ist zerknautscht, die Hände hat er in den Hosentaschen vergraben. Er schaut der Frau hinterher, regt sich aber nicht. Sein Blick scheint ins Leere zu gehen.

Den Wecker morgens früher stellen, beim Wecken den Snooze-Knopf drücken und ein sanftes Licht anknipsen. Dankbar sein für weitere acht Minuten Ruhen, ein sauberes und warmes Bett, für Gesundheit, Frieden und Freiheit. Vielen Menschen, in Kriegsgebieten, auf der Flucht, den Gestrandeten der Gesellschaft, ist dieser Luxus nicht gegönnt. Gedanken einfach kommen und fließen lassen. Es genießen, sie einfach wieder vergessen zu dürfen. Dankbar sein, lieben zu dürfen und geliebt zu werden. Einen dieser geliebten Menschen neben sich zu haben, seinen Atem zu hören, die Hand auf ihn zu legen, sich vor dem Aufstehen noch einmal ankuscheln zu dürfen.

Aus dem Haus duftet es köstlich nach Kaffee, dann wieder nach Rouladen und Rotkohl. Gespräche, die ab und zu von einem Lachen begleitet werden, wehen durch den Garten. Eine elektrische Heckenschere ist unermüdlich im Einsatz. Mit  ihrem nervtötenden Lärm zerreißt sie den sonnigen Tag. Rauchpausen werden eingelegt, wo die beiden sich zusammensetzen.

Als er beginnt, von „Püppchen“ zu erzählen, wird seine sonst raue und laute Stimme ganz sanft. Seine blassen, zusammengekniffenen Augen, die eine undefinierbare Farbe haben, schauen dabei in eine leere Ferne. Wenn er von „Püppchen“ spricht, spürt man den weichen, zärtlichen Kern, der sich hinter einer vernarbten und harten Schale versteckt. Er ist ein alter Seemann, brummig und eigen, der gerne seinen Zorn in die Welt donnert.

Er hat „seine Püppchen“ aufopfernd gepflegt, bis sie nach langer Krankheit elendig gestorben ist. Er hat alles für sie getan, was er konnte. Er hat ihr alles ermöglicht, was in seiner Macht stand. Er ist umgezogen mit ihr, in eine Wohnung im Erdgeschoss, damit sie es besser hat. Damit sie aus dem Fenster ins Grüne schauen kann und er sie nicht mehr die Treppen hochtragen muss. Dabei hätte er ihr doch weh getan.

Aber es hätte alles nichts genützt, „alles nichts genützt“. Dabei hätte sie sich doch schon wieder ein wenig erholt. Aber alles war umsonst. Hätte er sie denn sterben lassen sollen damals? Ermorden? Hätte er die Entscheidung treffen sollen, sie nicht an Schläuche legen zu lassen? Das konnte er nicht! Das konnte niemand von ihm verlangen, als der Arzt ihn damals gefragt hatte, was sie tun sollen. Zwei Jahre hat er sie gepflegt und keinen an sie herangelassen. Sie hätten ihr doch nur weh getan. Sie wussten doch nicht, was ihr gut tut. Wie sie sie schon im Krankenhaus behandelt haben, das war das Letzte. Dort wäre sie doch gestorben!

Verbittert ist er, das Lachen fällt ihm schwer. Er versucht, so viel wie möglich zu arbeiten, obwohl er es nicht braucht, das Geld. Ein geschickter Handwerker ist er und kann eigentlich alles, was in Haus und Garten anfällt. Seine Kraft erhält sich der alte Seebär durch das viele Arbeiten, er, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr zur See gefahren ist und seine Püppchen in ihrem gemeinsamen Nest behütet hat. Zweiundfünfzig Jahre lang.

Die alte Dame, mit der er gerade eine Zigarette raucht und Kaffee trinkt, lebt alleine – weil sie es so will. Sie möchte sich ihre Eigenständigkeit erhalten, solange es nur irgendwie geht. Auch wenn sie manchmal an ihren Schmerzen verzweifelt. Einsam fühlt sie sich nicht, aber oft allein. Dabei hat sie so gerne Gesellschaft und viele Menschen um ihren Tisch herum. So wie früher, als alle noch zu ihr kamen. Das ist leider viel seltener geworden. Warum soll sie noch großartig kochen, wenn es niemanden gibt, der mit ihr isst? Wenn die Menschen nicht mehr um ihren Tisch sitzen und bei einem guten Essen viele Stunden bei ihr verbringen? Deshalb tut sie es kaum noch. Aber es fehlt ihr auch.

Sie liebt ihren großen Garten. Er ist eine der Quellen ihres Glücklichseins. Sie liebt die vielen Vögel, die Spatzen, Amseln, Meisen und Schwalben, die ihr täglich Gesellschaft leisten. Die Vögel haben eine große Wasserschale, die immer gefüllt ist, und auch im Sommer aufgeschnittene Äpfel und Vogelfutter. Doch sie kann den Garten nicht mehr ganz alleine bewältigen.

Die Gesellschaft des anderen für einen Tag tut ihnen beiden gut. Sie hat für jemanden etwas Gutes gekocht, er findet Linderung für seine Trauer bei der Gartenarbeit. Sie hat Unterstützung bei der Gartenpflege, er hat etwas Leckeres zu essen. Er hat jemanden zum Reden, sie hört ihm zu oder tut wenigstens so. Er will arbeiten, sie möchte, dass er Pausen macht. Als es ans Bezahlen seiner guten Arbeit geht, streiten sie sich. Er berechnet seine Stunden ihrer Meinung nach zu knapp. Sie möchte ihn großzügig entlohnen. Sie tätschelt seine stoppelige Wange, er muss gehorchen. Schließlich ist sie drei Jahre älter als er. Er gibt nach.

Sie haben sich erneut verabredet. Im Frühjahr wird er ihr wieder im Garten helfen.


Mit dem Finger streicht das Mädchen an dem weichen hellgrauen PVC-Belag entlang, der über ihr die Decke ihrer Koje auskleidet. Sie liegt noch in ihren Schlafsack eingemummelt, der von außen klamm und kalt ist. Neben ihr schläft ihr Bruder. Das Segelboot schaukelt leicht, durch die Bullaugen blinzelt das Tageslicht schon herein. Draußen gluckert das Wasser an der Bordwand. Durch den Wind erzeugt die Takelage am Mast ein regelmäßiges, helles und metallisches Klicken, Klingeln und Schlagen. Sie mag diese Geräusche.

An der Verkleidung hängen Wassertropfen, die beim Berühren kitzelnd auf ihr Gesicht und ihre Haare fallen. Langsam fährt sie mit dem Finger weiter in Richtung Bruder. Die Tropfen fallen auf der ganzen Linie. Nun treffen sie ihren Bruder, was sie zum Lachen bringt. Sie zieht Kreise über ihm und es tropft. Er wacht auf, erschreckt sich, protestiert laut. Sie gackert vor Freude, und wieder mal ist die herrlichste Geschwisterkabbelei in Gange.

Auf dem Boden liegt ein großes Blatt Papier vom Flipchart. Es hat etwa das Format DIN A1. Die kulturell und sprachlich sehr gemischte Lerngruppe steht aufgeteilt neben den beiden Breitseiten des Papierbogens. Noch ist er von der unbeschrifteten Rückseite zu sehen. Es wird gescherzt, was jetzt wohl passieren wird, eine gewisse Spannung ist zu spüren.

Der Bogen wird umgedreht. Darauf steht mit großer Druckschrift geschrieben:

NO – 9

Oder ist es:

6 – ON

Was ist richtig? Was stimmt?

Ein Schüler sagt, seine Gruppe hätte recht, denn von der anderen Seite betrachtet, würde es kein „N“ sein. Es wäre falsch herum und man könne das Wort nicht lesen. Eine laute und erregte Diskussion entsteht über das, was die Schüler sehen und dabei empfinden.

Nun werden die Schüler eingeladen, die Seiten zu wechseln. Das Erstaunen über die unterschiedliche Wahrnehmung und Interpretation dessen, was gesehen wird und gesagt wurde, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Gespräche über die unterschiedlichen Eigenschaften und Einstellungen der Menschen verlaufen ab dieser Stunde mit viel mehr Respekt, Akzeptanz und Wohlwollen.  

Zahlen, Daten, Fakten. 21 Menschen, 8 Nationalitäten.

Ihr Alter:

von 13 bis 51 Jahre alt.

Ihr Wissensstand:

Von: „Analphabet bis vor drei Jahren und die Muttersprache weder schreiben noch lesen können, dafür aber in Deutsch alphabetisiert sein“, über: „nie eine Schule besucht“, bis zu: „studiert mit Abschluss und lange Jahre gearbeitet“.

Ihre Deutschkenntnisse:

Von: „seit vier Monaten“, bis zu: „drei Jahre schon Deutsch lernen“.

Ihre Charaktere:

Von: „recht selbstbewusst und immer zu Scherzen und Neckereien aufgelegt“, über: „sehr freundlich und still“, bis zu: „schweißgebadet am ganzen Körper, wenn man sie anspricht“.                         

Von: „sehr offen gegenüber den menschlichen Unterschieden und Eigenschaften“, bis zu: „nur das, was ich in meinem Land gelernt habe, ist richtig, oder?“

Ihre Einstellung zur Religion:

von: „Religion praktizierend, am Freitagsgebet teilnehmend und Kopftuch tragend“, über: ich respektiere die Religiosität, praktiziere aber nur moderat“, bis zu: „natürlich esse ich Schweinefleisch, trinke Alkohol, trage kurze Röcke und habe einen Freund. Religion ist mir vollkommen egal“.

Ihr Gesichtsausdruck:

wenig verstehen und ausdrücken zu können, gibt allen Menschen den gleichen fragenden Blick. Es ist spannend, wie sich der Ausdruck in ihren Gesichtern ändert, wenn sie ihre Muttersprache sprechen, alles verstehen und ausdrücken können.

Alle zusammen sind eine lernbereite, fröhliche, immer lachende, ständig lärmende, sich gegenseitig unterstützende und respektierende, überwiegend hilfsbereite und mitfühlende, ja freundschaftlich gesinnte Lerngruppe. Alle wollen gemeinsam es erreichen: Deutsch lernen, um arbeiten und für sich selbst verantwortlich sein zu können – und in Frieden und in Freiheit zu leben.

Ein braunes Tablett aus Kunststoff, darauf eine kleine weiße Teekanne, ein Frühstücksteller, eine Tasse mit Untertasse und Teelöffel, ein Messer. Das Tablett stand jeden Abend vorbereitet in der alten Gutsküche auf der Anrichte.

Morgens, bevor das Haus erwachte, machte sie sich mit dem Tauchsieder Wasser heiß, goss es auf Teebeutel, deren Schildchen am Faden aus der Kanne heraushingen. Sie gab eine Zitronenscheibe in die Teetasse, bestrich eine oder zwei Scheiben Roggenfeinbrot – das mit der glänzenden Brotrinde – mit Butter und Konfitüre. Außer ihr war noch keiner aufgestanden. Dann nahm sie das Tablett, ging die breite, mit rotem, dickem Teppich belegte Treppe hoch. Sie setzte sich auf eine der obersten Stufen, genau vor das Schlafzimmer ihrer Mutter, um zu frühstücken. Alleine. Die Mutter schlief noch. Sie ist das jüngste von fünf Mädchen und die letzte, die noch Zuhause wohnte. Sie ging ja auch noch zur Schule.

Ihre Mutter war nicht die warmherzigste zu ihnen. Eher die Grande Dame, die zwar fünf Töchtern das Leben geschenkt hatte, sie aber nie besonders bemutterte. Irgendwie wurden ihre großen Schwestern durch die vielen Menschen, die immer im Haus waren, betreut. Durch Kindermädchen, Tanten und andere Verwandte, Dienstmägde und Kriegsflüchtlinge, die bei ihnen Zuflucht und Nahrung gefunden hatten in harten Zeiten.

Sie ist das Nesthäkchen aus der Nachkriegszeit. Und war alleine, denn die vielen Menschen gingen nach dem Krieg wieder weg und das Hauspersonal wurde verringert.

Ihre Nichte, die auch ihre kleine Schwester hätte sein können, stand, wenn sie bei den Großeltern zu Besuch war, auch auf und setzte sich im Schlafanzug und mit kalten Füßchen neben ihre Tante, zu der sie bewundernd aufschaute. Manchmal biss sie von ihrem Frühstücksbrot ab und trank einen Schluck heißen Tee. Dann musste sich die Tante beeilen, denn der Schulbus kam ins Dorf, um die wenigen Schüler einzusammeln.

Das kleine Mädchen spürte die große Einsamkeit, die ihre Tante in diesem großen Haus umgab.