Aus dem Haus duftet es köstlich nach Kaffee, dann wieder nach Rouladen und Rotkohl. Gespräche, die ab und zu von einem Lachen begleitet werden, wehen durch den Garten. Eine elektrische Heckenschere ist unermüdlich im Einsatz. Mit  ihrem nervtötenden Lärm zerreißt sie den sonnigen Tag. Rauchpausen werden eingelegt, wo die beiden sich zusammensetzen.

Als er beginnt, von „Püppchen“ zu erzählen, wird seine sonst raue und laute Stimme ganz sanft. Seine blassen, zusammengekniffenen Augen, die eine undefinierbare Farbe haben, schauen dabei in eine leere Ferne. Wenn er von „Püppchen“ spricht, spürt man den weichen, zärtlichen Kern, der sich hinter einer vernarbten und harten Schale versteckt. Er ist ein alter Seemann, brummig und eigen, der gerne seinen Zorn in die Welt donnert.

Er hat „seine Püppchen“ aufopfernd gepflegt, bis sie nach langer Krankheit elendig gestorben ist. Er hat alles für sie getan, was er konnte. Er hat ihr alles ermöglicht, was in seiner Macht stand. Er ist umgezogen mit ihr, in eine Wohnung im Erdgeschoss, damit sie es besser hat. Damit sie aus dem Fenster ins Grüne schauen kann und er sie nicht mehr die Treppen hochtragen muss. Dabei hätte er ihr doch weh getan.

Aber es hätte alles nichts genützt, „alles nichts genützt“. Dabei hätte sie sich doch schon wieder ein wenig erholt. Aber alles war umsonst. Hätte er sie denn sterben lassen sollen damals? Ermorden? Hätte er die Entscheidung treffen sollen, sie nicht an Schläuche legen zu lassen? Das konnte er nicht! Das konnte niemand von ihm verlangen, als der Arzt ihn damals gefragt hatte, was sie tun sollen. Zwei Jahre hat er sie gepflegt und keinen an sie herangelassen. Sie hätten ihr doch nur weh getan. Sie wussten doch nicht, was ihr gut tut. Wie sie sie schon im Krankenhaus behandelt haben, das war das Letzte. Dort wäre sie doch gestorben!

Verbittert ist er, das Lachen fällt ihm schwer. Er versucht, so viel wie möglich zu arbeiten, obwohl er es nicht braucht, das Geld. Ein geschickter Handwerker ist er und kann eigentlich alles, was in Haus und Garten anfällt. Seine Kraft erhält sich der alte Seebär durch das viele Arbeiten, er, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr zur See gefahren ist und seine Püppchen in ihrem gemeinsamen Nest behütet hat. Zweiundfünfzig Jahre lang.

Die alte Dame, mit der er gerade eine Zigarette raucht und Kaffee trinkt, lebt alleine – weil sie es so will. Sie möchte sich ihre Eigenständigkeit erhalten, solange es nur irgendwie geht. Auch wenn sie manchmal an ihren Schmerzen verzweifelt. Einsam fühlt sie sich nicht, aber oft allein. Dabei hat sie so gerne Gesellschaft und viele Menschen um ihren Tisch herum. So wie früher, als alle noch zu ihr kamen. Das ist leider viel seltener geworden. Warum soll sie noch großartig kochen, wenn es niemanden gibt, der mit ihr isst? Wenn die Menschen nicht mehr um ihren Tisch sitzen und bei einem guten Essen viele Stunden bei ihr verbringen? Deshalb tut sie es kaum noch. Aber es fehlt ihr auch.

Sie liebt ihren großen Garten. Er ist eine der Quellen ihres Glücklichseins. Sie liebt die vielen Vögel, die Spatzen, Amseln, Meisen und Schwalben, die ihr täglich Gesellschaft leisten. Die Vögel haben eine große Wasserschale, die immer gefüllt ist, und auch im Sommer aufgeschnittene Äpfel und Vogelfutter. Doch sie kann den Garten nicht mehr ganz alleine bewältigen.

Die Gesellschaft des anderen für einen Tag tut ihnen beiden gut. Sie hat für jemanden etwas Gutes gekocht, er findet Linderung für seine Trauer bei der Gartenarbeit. Sie hat Unterstützung bei der Gartenpflege, er hat etwas Leckeres zu essen. Er hat jemanden zum Reden, sie hört ihm zu oder tut wenigstens so. Er will arbeiten, sie möchte, dass er Pausen macht. Als es ans Bezahlen seiner guten Arbeit geht, streiten sie sich. Er berechnet seine Stunden ihrer Meinung nach zu knapp. Sie möchte ihn großzügig entlohnen. Sie tätschelt seine stoppelige Wange, er muss gehorchen. Schließlich ist sie drei Jahre älter als er. Er gibt nach.

Sie haben sich erneut verabredet. Im Frühjahr wird er ihr wieder im Garten helfen.


Mit dem Finger streicht das Mädchen an dem weichen hellgrauen PVC-Belag entlang, der über ihr die Decke ihrer Koje auskleidet. Sie liegt noch in ihren Schlafsack eingemummelt, der von außen klamm und kalt ist. Neben ihr schläft ihr Bruder. Das Segelboot schaukelt leicht, durch die Bullaugen blinzelt das Tageslicht schon herein. Draußen gluckert das Wasser an der Bordwand. Durch den Wind erzeugt die Takelage am Mast ein regelmäßiges, helles und metallisches Klicken, Klingeln und Schlagen. Sie mag diese Geräusche.

An der Verkleidung hängen Wassertropfen, die beim Berühren kitzelnd auf ihr Gesicht und ihre Haare fallen. Langsam fährt sie mit dem Finger weiter in Richtung Bruder. Die Tropfen fallen auf der ganzen Linie. Nun treffen sie ihren Bruder, was sie zum Lachen bringt. Sie zieht Kreise über ihm und es tropft. Er wacht auf, erschreckt sich, protestiert laut. Sie gackert vor Freude, und wieder mal ist die herrlichste Geschwisterkabbelei in Gange.

Auf dem Boden liegt ein großes Blatt Papier vom Flipchart. Es hat etwa das Format DIN A1. Die kulturell und sprachlich sehr gemischte Lerngruppe steht aufgeteilt neben den beiden Breitseiten des Papierbogens. Noch ist er von der unbeschrifteten Rückseite zu sehen. Es wird gescherzt, was jetzt wohl passieren wird, eine gewisse Spannung ist zu spüren.

Der Bogen wird umgedreht. Darauf steht mit großer Druckschrift geschrieben:

NO – 9

Oder ist es:

6 – ON

Was ist richtig? Was stimmt?

Ein Schüler sagt, seine Gruppe hätte recht, denn von der anderen Seite betrachtet, würde es kein „N“ sein. Es wäre falsch herum und man könne das Wort nicht lesen. Eine laute und erregte Diskussion entsteht über das, was die Schüler sehen und dabei empfinden.

Nun werden die Schüler eingeladen, die Seiten zu wechseln. Das Erstaunen über die unterschiedliche Wahrnehmung und Interpretation dessen, was gesehen wird und gesagt wurde, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Gespräche über die unterschiedlichen Eigenschaften und Einstellungen der Menschen verlaufen ab dieser Stunde mit viel mehr Respekt, Akzeptanz und Wohlwollen.  

Zahlen, Daten, Fakten. 21 Menschen, 8 Nationalitäten.

Ihr Alter:

von 13 bis 51 Jahre alt.

Ihr Wissensstand:

Von: „Analphabet bis vor drei Jahren und die Muttersprache weder schreiben noch lesen können, dafür aber in Deutsch alphabetisiert sein“, über: „nie eine Schule besucht“, bis zu: „studiert mit Abschluss und lange Jahre gearbeitet“.

Ihre Deutschkenntnisse:

Von: „seit vier Monaten“, bis zu: „drei Jahre schon Deutsch lernen“.

Ihre Charaktere:

Von: „recht selbstbewusst und immer zu Scherzen und Neckereien aufgelegt“, über: „sehr freundlich und still“, bis zu: „schweißgebadet am ganzen Körper, wenn man sie anspricht“.                         

Von: „sehr offen gegenüber den menschlichen Unterschieden und Eigenschaften“, bis zu: „nur das, was ich in meinem Land gelernt habe, ist richtig, oder?“

Ihre Einstellung zur Religion:

von: „Religion praktizierend, am Freitagsgebet teilnehmend und Kopftuch tragend“, über: ich respektiere die Religiosität, praktiziere aber nur moderat“, bis zu: „natürlich esse ich Schweinefleisch, trinke Alkohol, trage kurze Röcke und habe einen Freund. Religion ist mir vollkommen egal“.

Ihr Gesichtsausdruck:

wenig verstehen und ausdrücken zu können, gibt allen Menschen den gleichen fragenden Blick. Es ist spannend, wie sich der Ausdruck in ihren Gesichtern ändert, wenn sie ihre Muttersprache sprechen, alles verstehen und ausdrücken können.

Alle zusammen sind eine lernbereite, fröhliche, immer lachende, ständig lärmende, sich gegenseitig unterstützende und respektierende, überwiegend hilfsbereite und mitfühlende, ja freundschaftlich gesinnte Lerngruppe. Alle wollen gemeinsam es erreichen: Deutsch lernen, um arbeiten und für sich selbst verantwortlich sein zu können – und in Frieden und in Freiheit zu leben.

Die Tür zum Wohnzimmer wird geöffnet. Der Baum leuchtet feierlich mit seinen roten Kugeln und Kerzen. Die kleinen Lichter spiegeln sich im Lametta und geben dem Baum seinen wunderschönen Glanz. Unter dem Baum viele Geschenke, die sie alle zusammen schon vor einigen Tagen dort hingelegt haben. Sie rätseln gerne ein paar Tage, was sich wohl in den schönen Päckchen verbergen könnte. Das hebt die Spannung und die Vorfreude auf ihr Weihnachtsfest. Im ganzen Haus duftet es nach Braten und Köstlichkeiten. Der Tisch ist festlich gedeckt, gedämpfte Weihnachtsmusik erklingt. Sie haben sich alle hübsch angezogen und freuen sich nun auf das Fest, die beiden Mädchen, die Mama, ihr Lebensgefährte und die Oma. Sie sind fröhlich, das Essen schmeckt. Dann werden nach und nach die Geschenke verteilt. Es gibt immer einen, der seine Geschenke gibt, dann darf ausgepackt werden. Anschließend ist der nächste dran mit seinen Gaben. Sie freuen sich, spielen zusammen, lachen, tauschen eilig die Kerzen aus, wenn sie heruntergebrannt sind und gehen irgendwann müde und zufrieden ins Bett.

Es ist Weihnachten.

Am nächsten Tag bringen sie die Mädchen, die zu ihrem Vater fliegen, zum Flughafen. Danach bummeln sie ein wenig durch die weihnachtlich erleuchtete Stadt. Viele Menschen sind unterwegs, hetzen, rennen, bepackt mit Tüten und Taschen. Sie hasten in die Geschäfte, kommen wieder raus. Das Gebläse am Eingang der Kaufhäuser pustet warme Luft, diffuse Weihnachtsmusik ist zu hören. In den Geschäften herrscht fiebrige Emsigkeit. Draußen ist es kalt, drinnen viel zu warm mit den dicken Winterjacken, Stiefeln, Schals und Mützen. An den Kassen stehen Schlangen von Menschen, die die letzten Geschenke einkaufen. Auf dem Weihnachtsmarkt suchen Ideenlose nach Anregungen oder Eingebungen, trinken Glühwein. Es riecht nach Bratwurst und gebrannten Mandeln. Überwiegend wohlgesinnte Grüppchen sammeln in den Fußgängerzonen Spenden für Bedürftige und hoffen auf das schlechte Gewissen der kaufenden Passanten. Der Weihnachtsbaumverkäufer preist seine letzten, eher mickrigen oder windschiefen Exemplare zum halben Preis an. Die Geschäfte laufen, Stress ist zu spüren, Hektik. Von Besinnlichkeit keine Spur.

Wie alle zwei Jahre bummeln sie gemütlich durch die Menge, stöbern in ihrem Lieblingsbuchladen, trinken einen teuren Glühwein und beobachten das hektische Treiben am 24. Dezember. Und alle zwei Jahre wieder liegt ein sehr ruhiger Abend vor ihnen.

Es ist Weihnachten.

Es ist fast still im Raum. Gemeinsam sitzen sie im dämmerigen Wohnzimmer und lesen. Jeder auf seinem Lieblingsplatz. Sie auf dem Sofa, er in einem etwas ausgedienten blauen Sessel mit Holzlehnen. Die Stehlampe wirft ihr helles Licht auf den auseinandergefalteten, wirren Zeitungshaufen auf seinen Knien. Sein markantes Profil zeichnet sich scharf gegen das Licht ab. Er schnieft leise. Die Seite, die er gerade liest, wippt leicht zwischen seinen Händen. Langsam sinken sie dann mit der immer noch festgehaltenen Zeitung auf seinen Schoß. Sein Kopf neigt sich nach vorne, es wird ganz still. Kein Rascheln, kein Schniefen mehr, dann für einen Moment ein leises Schnarchen.

Sie sieht ihn zärtlich an, ein warmer Strom geht durch ihr Herz und sie schmunzelt. Bis, nach einigen Minuten, sein Kopf langsam wieder nach oben geht. Genauso wie seine Hände. Das Rascheln der Zeitung geht weiter.

Der griechische Imbiss

Sie geht mit ihrer Mutter in einem griechischen Imbiss essen, der auch ein paar verstreute nackte Tische mit dem harten Licht weißer Neonröhren hat. Die beiden haben sich schon seit längerer Zeit nicht gesehen und viel zu erzählen. Der Kellner, einem fröhlich tänzelnden Teddybär ähnelnd, ist gut gelaunt und serviert schwungvoll. Es schmeckt!

Zum Bezahlen gehen die beiden an die Theke. Der Kellner fragt: „Getrennt oder zusammen?“ Sie sagt: „Getrennt bitte.“, ihre Mutter: „Zusammen“ und  zückt die EC-Karte. Der Kellner schaut die Tochter mit schräg gelegtem Kopf, einem höchst bedauernden Blick, den Mund schürzend, die Hände hebend und mit den Schultern zuckend an. Er greift zur EC-Karte. Die Mutter zahlt, er greift zum Bonbonglas und fragt: „Möchtest du einen Lollie?“ Bei dem Lachen, in das beide ausbrechen, grinst er und fragt:“ Und die Mama will auch einen?“ „Ja, natürlich!“

Ungehobelte Worte

Ansprechbar war er durchaus noch, aber reden wollte er nicht mehr.

Seine stahlblauen Augen leuchteten klar wie eh und je, wenn er einen ansah. Er zuppelte auch immer noch an seinem dünnen grauen Bart herum. Das Rasieren war unmöglich geworden, weil sie ihn hätten verletzen können. Vollkommen abgemagert war er, Arme und Beine steckten wie dünne Äste im Rest seines Körpers. Seine gealterte Haut umspann seine Knochen wie gegerbtes Handschuhleder. Das Essen und Trinken hatte er eingestellt. Er wehrte sich gegen sämtliche Versuche, das Leben in ihm zu erhalten.

Im Alltag war seine Wortwahl eher grob gewesen, obwohl er ein kluger und hochgebildeter Akademiker war. Er  wusste genau, wie man sich gewählt ausdrückt und hatte dies als Kind in einem Akademikerzuhause gelernt. Von der Mundart seiner Heimat hörte man nichts. Manchmal diskutierte er sogar mit seinen ehemaligen Kommilitonen auf Latein, wenn sie vorher entsprechend  tief ins Glas geschaut hatten. Nur ein einziges, wirklich ein einziges Mal sprach er noch: „Die ganze Scheiße wird immer schlimmer.“ Danach verstummte er, für immer.

War seine ungehobelte Ausdrucksweise, war sein unendlich starker Wille, den er ein letztes Mal in seinem Leben gezeigt hatte ein Protest, ein Aufbäumen gegen ein Leben, das nie seins gewesen ist, das er aber so gelebt hat, weil er mit dem Wort ‚Gehorsam‘ aufgewachsen war?