Mit dem Finger streicht das Mädchen an dem weichen hellgrauen PVC-Belag entlang, der über ihr die Decke ihrer Koje auskleidet. Sie liegt noch in ihren Schlafsack eingemummelt, der von außen klamm und kalt ist. Neben ihr schläft ihr Bruder. Das Segelboot schaukelt leicht, durch die Bullaugen blinzelt das Tageslicht schon herein. Draußen gluckert das Wasser an der Bordwand. Durch den Wind erzeugt die Takelage am Mast ein regelmäßiges, helles und metallisches Klicken, Klingeln und Schlagen. Sie mag diese Geräusche.

An der Verkleidung hängen Wassertropfen, die beim Berühren kitzelnd auf ihr Gesicht und ihre Haare fallen. Langsam fährt sie mit dem Finger weiter in Richtung Bruder. Die Tropfen fallen auf der ganzen Linie. Nun treffen sie ihren Bruder, was sie zum Lachen bringt. Sie zieht Kreise über ihm und es tropft. Er wacht auf, erschreckt sich, protestiert laut. Sie gackert vor Freude, und wieder mal ist die herrlichste Geschwisterkabbelei in Gange.

Prager Frühling

Ihr Morgenritual ist es, einen Becher Kaffee zu trinken und sich dabei online zu informieren, was so gerade in der Welt passiert. Sie liest Nachrichten von verschiedenen Zeitungen und Radiosendern. Es ist still im Haus. Im Sommer sitzt sie auf der Terrasse, im Winter in der gut geheizten Küche. Das ist ein Moment, an dem sie sich Zeit für sich nimmt, der nur ihr gehört.

Bei Deutschlandfunk Kultur stolpert sie über einen Artikel, der an den Prozess gegen Bettina Wegner im Jahr 1968 erinnert. Fünfzig Jahre ist das nun her. Die Schauspielstudentin hatte in Berlin Pankow Flugblätter verteilt, um die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ anzuprangern. Viele Jahre später konnte die spätere Liedermacherin der DDR den Rücken kehren und nach West-Berlin auswandern.

Prager Frühling 1968, das ruft in ihr Erinnerungen wach. Erinnerungen an ein dumpfes Gefühl, die sie noch sehr deutlich hat. Angst muss es gewesen sein. Fünf Jahre alt war sie damals. Sie erinnert sich daran, unterm Tisch gesessen zu haben. Der Esstisch aus rötlichem Holz mit den in den 60er-Jahren so modernen glänzenden Edelstahlbeinen, unter dem sie sich gerne verkroch, wenn es für sie brenzlig wurde. Von unten war das Holz des Tisches unbehandelt, angenehm, um mit den Fingern darüber zu streichen und um auch ein wenig, ja, wirklich nur ein klein wenig, darauf mit Wachsmalstiften zu malen und so Sorgen zu vergessen. Man konnte ihn ausziehen, größer machen, was ihn von unten sehr kompliziert aussehen ließ. Die Eltern waren da und auch die Großeltern, die im gleichen Haus, eine Etage tiefer, lebten. Vielleicht auch Freunde der Eltern, das weiß sie nicht mehr. Das Radio lief, einen Fernseher hatten sie damals nicht, sie hörten wiederholt an diesem Tag Nachrichten. Keine klassische Musik, keinen Jazz, nichts anderes, wie sonst. Bei den ernsten Gesprächen der Erwachsenen, die dieses Mal ohne Lachen verliefen, fielen die Worte „Krieg“ und „Angst“. Was Krieg bedeutet, hatte sie schon aus ausführlichen Erzählungen erfahren. Die Grausamkeiten, Verluste, den Hunger und die Not, die der Krieg mit sich gebracht hatte. Der Schrank mit den letzten Habseligkeiten des ihr unbekannten Onkels – mit altem Spielzeug, ein paar hart gewordenen, braunen Kindersandalen, einem verbeulten Wehrmachtshelm, einem komischen, eckigen Abzeichen und dem seltsamen, muffigen Geruch im Schrank – stand im Büro des Großvaters und war heilig. Sie wusste, dass der andere Opa auch nicht ihr richtiger Opa war. Aber für sie gab es keinen anderen, also war er ihr Opa.

Und Angst stand im Raum, bei den Großen und übertrug sich auf sie. Ganz beklommen fühlte sie sich, sie wagte es nicht, aus ihrem Versteck zu kommen. Sie hörte das Wort „Panzer“, hörte die besorgten Worte des Nachrichtensprechers. Auch wusste sie, wie ein Panzer aussah. Bilder davon hatte sie ja gesehen. Bilder vom Krieg hatte sie gesehen – oder besser das, was man einem kleinen Kind zeigen mag. Die waren nicht schön und gefielen ihr nicht. So grau und so viele kaputte Häuser. So viele Menschen mit schmutziger, armseliger Kleidung, die Frauen mit Kopftüchern, die Kinder schmutzig und alle furchtbar dünn. Angstgefühle, sie wusste, was das bedeutet. Sie wollte nicht, dass es wieder Krieg gibt, vielleicht hat sie auch ein wenig geweint. Sie wollte nicht, dass der Papa und die Opas sterben und die ganzen anderen Menschen. Sie wollte nicht, dass alles wieder kaputt gemacht wird und dass Bomben explodieren, wenn diese furchtbaren Sirenen, die jetzt ja nur zum Ausprobieren, ob sie noch funktionieren, heulten. Angstgefühle. Sie verstand nicht, warum man Sirenen ausprobieren muss. Es gab doch keinen Krieg mehr. Hilflos fühlte sie sich gegenüber den Erwachsenen. Am liebsten hätte sie das Radio ausgemacht. Aber sie wusste auch, dass das nichts ändern würde. Es gibt vielleicht wieder Krieg und er ist näher, als man es sich wünscht.

Manchmal, wenn sie das Weltgeschehen von heute verfolgt und sieht, wie die aktuell führenden Politiker agieren, kommt dieses Gefühl der Beklommenheit wieder in ihr hoch.

Ungehobelte Worte

Ansprechbar war er durchaus noch, aber reden wollte er nicht mehr.

Seine stahlblauen Augen leuchteten klar wie eh und je, wenn er einen ansah. Er zuppelte auch immer noch an seinem dünnen grauen Bart herum. Das Rasieren war unmöglich geworden, weil sie ihn hätten verletzen können. Vollkommen abgemagert war er, Arme und Beine steckten wie dünne Äste im Rest seines Körpers. Seine gealterte Haut umspann seine Knochen wie gegerbtes Handschuhleder. Das Essen und Trinken hatte er eingestellt. Er wehrte sich gegen sämtliche Versuche, das Leben in ihm zu erhalten.

Im Alltag war seine Wortwahl eher grob gewesen, obwohl er ein kluger und hochgebildeter Akademiker war. Er  wusste genau, wie man sich gewählt ausdrückt und hatte dies als Kind in einem Akademikerzuhause gelernt. Von der Mundart seiner Heimat hörte man nichts. Manchmal diskutierte er sogar mit seinen ehemaligen Kommilitonen auf Latein, wenn sie vorher entsprechend  tief ins Glas geschaut hatten. Nur ein einziges, wirklich ein einziges Mal sprach er noch: „Die ganze Scheiße wird immer schlimmer.“ Danach verstummte er, für immer.

War seine ungehobelte Ausdrucksweise, war sein unendlich starker Wille, den er ein letztes Mal in seinem Leben gezeigt hatte ein Protest, ein Aufbäumen gegen ein Leben, das nie seins gewesen ist, das er aber so gelebt hat, weil er mit dem Wort ‚Gehorsam‘ aufgewachsen war?

Das Hotel

Auf den ersten Blick hat es die Eleganz, die es verspricht. Es ist apricotfarben, scheint sich kaum verändert zu haben. Beim Reinkommen fällt auf, dass einer der vier Sterne, die stolz am Eingang prangen, ganz leicht schief hängt. Die Hochsaison ist vorbei, es sind nur wenige Gäste da. Vornehmlich Busreisende und ältere Leute, die ja gerne Urlaub machen, wenn es nicht mehr so heiß ist.

In der Lobby muss die Zeit stehengeblieben sein. Farben und Einrichtung erinnern vage an die 70er Jahre. Die kreisrunde Rezeption ist aus dunkelrotem, glänzendem Kunstharz, der dazu passende Teppich hat große weiße Punkte. Die Dekoration ist in rot, orange und gelb gehalten, es sind geometrische Figuren, die an Tapetenmuster aus dieser Zeit erinnern. Von der Decke, die drei Etagen höher aus Milchglas besteht und das Licht hereinkommen lässt, hängen orangefarbene, gelbe und rote zylinderförmige Lampenschirme, die offensichtlich auch ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Die Bar aus grauschwarzem Stein ist mit ineinandergeschachtelten, abgerundeten Rechtecken verziert. Die Barhocker und die Stühle sind schräg gestellte Halbschalen auf einem angerosteten Edelstahlsockel. Sicher waren sie, bevor sie mit inzwischen müde gewordenem grauem Stoff überzogen wurden, auch orangefarben und dunkelrot, so wie die Rezeption. Ein milder Versuch der Modernisierung ist das sonstige Mobiliar aus dem gerade modernen Kunstrattan. Genauso unpassend, aber elegant, ist der renovierte und ausgestattete Pool. Die Sonnenschirme mit dem Schriftzug der Hotelkette sind von mehreren Sommern Abschirmung ergraut. Der Speisesaal hat zwar annähernd moderne Möbel, einige Pflanzen leben in gemauerten Kästen, aber die Eleganz eines modernen 4-Sterne-Restaurants hat er nicht.

In den Etagen liegt ein noch unruhigerer Bodenbelag als in der Lobby. Die Punkte haben noch ein paar graue  Kreise um sich herum.

Die Zimmer haben mittelbraun lasierte Schränke mit schlecht zu schiebenden Türen. Die Minibar im Schrank ist leer, weil der Kühlschrank kaum noch Leistung bringt. Das Sofa sieht aus wie damals, aber es ist in gutem Zustand. Die schweren farblich fast passenden Vorhänge wurden seit langem schon nicht mehr bedient. Sie dienen nur zur Dekoration und es ist besser, sie nicht zu bewegen. Irgendwelche Insekten haben darin vor langem mal röhrenförmige Nester gebaut.  Der Schreibtisch passend zum Einbauschrank hat auch den Charme vergangener Tage. Der darauf stehende Flachbildschirm-Fernseher mutet dagegen futuristisch an. Die Fenstertür schließt nicht mehr, doch der Fensterladen davor, der nur mit Mühe auf- und zugeht. Er schließt mit einem Haken, den man in eine Öse einhängen kann. Das erklärt, wie die fliegenden Insekten im Winter einen ungestörten Zugang gehabt haben müssen.

Auf dem Balkon zeigt die von weitem so makellose Fassade Blasen und abblätternde, notdürftig überstrichenen Stellen. Am ganzen Gebäude sieht man bei genauerem Hinsehen Hautkrebs. Schwarze Stellen, bröckelnder Putz, Rostspuren, Kalkränder.

Die Liegen am weitläufigen Fels- und Kieselstrand sind aus weißem Kunststoff. Der Harz von den großen alten Pinien hinterlässt seine gelben Spuren. Der Kunststoff ist leicht brüchig geworden in der heißen Sonne des Südens. Die Begrenzungsrohre der Minigolfanlage sind rostig, die Farbe auf den Bahnen abgeblättert. Eine Tischtennisplatte aus Beton wurde schon vor längerer Zeit stillgelegt. Auf dem Spielplatz steht eine Bank aus Beton, der Stein ist von dem Metallgerippe abgeplatzt, die Holzbretter darauf mit Kabelbindern befestigt. Die Spielgeräte sind in einem Zustand, dass es beunruhigt, die Kleinen dort mit den angerotteten Geräten spielen zu sehen. Beinahe übertrieben wirkt das moderne Mobiliar in der Strandbar.

In der Lobby stehen zwei große Rollplakate. Sie verkünden stolz mit schönen Bildern von der nun anstehenden großen Renovierung und Modernisierung, die in acht Tagen beginnen wird. Welch ein Glück, dieses Hotel, das seine besten Tage nun hinter sich hat, noch einmal so gesehen zu haben, wie es in der Erinnerung an glückliche Urlaubstage in der Kindheit ausgesehen hat.