Das Hotel

Auf den ersten Blick hat es die Eleganz, die es verspricht. Es ist apricotfarben, scheint sich kaum verändert zu haben. Beim Reinkommen fällt auf, dass einer der vier Sterne, die stolz am Eingang prangen, ganz leicht schief hängt. Die Hochsaison ist vorbei, es sind nur wenige Gäste da. Vornehmlich Busreisende und ältere Leute, die ja gerne Urlaub machen, wenn es nicht mehr so heiß ist.

In der Lobby muss die Zeit stehengeblieben sein. Farben und Einrichtung erinnern vage an die 70er Jahre. Die kreisrunde Rezeption ist aus dunkelrotem, glänzendem Kunstharz, der dazu passende Teppich hat große weiße Punkte. Die Dekoration ist in rot, orange und gelb gehalten, es sind geometrische Figuren, die an Tapetenmuster aus dieser Zeit erinnern. Von der Decke, die drei Etagen höher aus Milchglas besteht und das Licht hereinkommen lässt, hängen orangefarbene, gelbe und rote zylinderförmige Lampenschirme, die offensichtlich auch ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Die Bar aus grauschwarzem Stein ist mit ineinandergeschachtelten, abgerundeten Rechtecken verziert. Die Barhocker und die Stühle sind schräg gestellte Halbschalen auf einem angerosteten Edelstahlsockel. Sicher waren sie, bevor sie mit inzwischen müde gewordenem grauem Stoff überzogen wurden, auch orangefarben und dunkelrot, so wie die Rezeption. Ein milder Versuch der Modernisierung ist das sonstige Mobiliar aus dem gerade modernen Kunstrattan. Genauso unpassend, aber elegant, ist der renovierte und ausgestattete Pool. Die Sonnenschirme mit dem Schriftzug der Hotelkette sind von mehreren Sommern Abschirmung ergraut. Der Speisesaal hat zwar annähernd moderne Möbel, einige Pflanzen leben in gemauerten Kästen, aber die Eleganz eines modernen 4-Sterne-Restaurants hat er nicht.

In den Etagen liegt ein noch unruhigerer Bodenbelag als in der Lobby. Die Punkte haben noch ein paar graue  Kreise um sich herum.

Die Zimmer haben mittelbraun lasierte Schränke mit schlecht zu schiebenden Türen. Die Minibar im Schrank ist leer, weil der Kühlschrank kaum noch Leistung bringt. Das Sofa sieht aus wie damals, aber es ist in gutem Zustand. Die schweren farblich fast passenden Vorhänge wurden seit langem schon nicht mehr bedient. Sie dienen nur zur Dekoration und es ist besser, sie nicht zu bewegen. Irgendwelche Insekten haben darin vor langem mal röhrenförmige Nester gebaut.  Der Schreibtisch passend zum Einbauschrank hat auch den Charme vergangener Tage. Der darauf stehende Flachbildschirm-Fernseher mutet dagegen futuristisch an. Die Fenstertür schließt nicht mehr, doch der Fensterladen davor, der nur mit Mühe auf- und zugeht. Er schließt mit einem Haken, den man in eine Öse einhängen kann. Das erklärt, wie die fliegenden Insekten im Winter einen ungestörten Zugang gehabt haben müssen.

Auf dem Balkon zeigt die von weitem so makellose Fassade Blasen und abblätternde, notdürftig überstrichenen Stellen. Am ganzen Gebäude sieht man bei genauerem Hinsehen Hautkrebs. Schwarze Stellen, bröckelnder Putz, Rostspuren, Kalkränder.

Die Liegen am weitläufigen Fels- und Kieselstrand sind aus weißem Kunststoff. Der Harz von den großen alten Pinien hinterlässt seine gelben Spuren. Der Kunststoff ist leicht brüchig geworden in der heißen Sonne des Südens. Die Begrenzungsrohre der Minigolfanlage sind rostig, die Farbe auf den Bahnen abgeblättert. Eine Tischtennisplatte aus Beton wurde schon vor längerer Zeit stillgelegt. Auf dem Spielplatz steht eine Bank aus Beton, der Stein ist von dem Metallgerippe abgeplatzt, die Holzbretter darauf mit Kabelbindern befestigt. Die Spielgeräte sind in einem Zustand, dass es beunruhigt, die Kleinen dort mit den angerotteten Geräten spielen zu sehen. Beinahe übertrieben wirkt das moderne Mobiliar in der Strandbar.

In der Lobby stehen zwei große Rollplakate. Sie verkünden stolz mit schönen Bildern von der nun anstehenden großen Renovierung und Modernisierung, die in acht Tagen beginnen wird. Welch ein Glück, dieses Hotel, das seine besten Tage nun hinter sich hat, noch einmal so gesehen zu haben, wie es in der Erinnerung an glückliche Urlaubstage in der Kindheit ausgesehen hat.

3 Antworten auf „Das Hotel“

  1. Ich mag deine langsame Schreibweise. Sehr sogar! Gibt leider zu wenig Vergleichbares in aktueller Romanwelt. Vorsicht bei den abgerundeten Kacheln der Bar: die sind zu viel abgerundet worden

    1. Danke Holger! Die runden Ecken der abgerundeten Rechtecke habe ich korrigiert. Die überflüssige Information blieb nach dem Abrunden des Satzes stehen, statt gelöscht zu werden. 😉

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