Nur ein Stück Torte

Vorsichtig öffnen sie vor ihr das kunstvoll mit Seidenpapier eingeschlagene Kuchentablett aus Pappe. Es ist immer wieder schön anzusehen, wie fein und gekonnt Sahnetorte mit Papier für den Transport vom Konditor nach Hause geschützt wird. Nur echte Kuchenverkäuferinnen haben dieses Meisterwerk erlernt. Gespannt schaut die alte Dame dabei zu.

Wie immer ist sie perfekt gekleidet, mit Rock und Bluse und mit Pumps. Wie immer ist ihr schütteres weißblondes und dauergewelltes Haar sorgfältig und streng nach hinten gekämmt. Niemals würde sie sich in ihrem Haus in Hausschuhen sehen lassen. Ob sie überhaupt welche hat?

Schon seit langem fährt sie kein Auto mehr, sie ist über 90 und recht vergesslich. Selber Einkaufen kann sie schon lange nicht mehr.

Die Urenkelinnen haben für ihren Besuch bei ihrem bevorzugten Konditor ihren Lieblingskuchen ausgewählt, um der Uroma ihr geliebtes klassisches Kaffeetrinken zu ermöglichen. Ein Stück Walnuss-Marzipan-Torte. Für sich selber haben sie Kuchen ohne Sahne ausgesucht. Der Kaffee ist gekocht und steht duftend auf dem Tisch. Das feine Geschirr steht auf gestärkter Tischdecke und der Kuchen darf aus seiner Schutzhülle befreit werden. Beim Anblick des Kuchentabletts stutzt die alte Dame, schaut ihre Enkelin und Urenkelinnen bestürzt an und fragt: „Wie, nur EIN Stück TORTE? Und was esst Ihr?“

Wie konnte ihre Familie nur vergessen haben, dass es hier im Haus immer weit mehr als ein Stück Kuchen oder Torte pro Gast gibt! Selbst wenn sie selber schon viel vergisst und oft nicht mehr weiß, was sie eben noch gesagt hat. Aber DAS, das weiß sie noch!

Dann aber freut sie sich auf ihren Kuchenschmaus und ihr Kummer ist schnell vergessen.

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