Die Amsel

Mitten in der Großstadt wartet sie auf den Bus. Vor ihr eine breite Straße mit viel Verkehr. Hinter ihr die mageren Vorgärten von rot geklinkerten Mietshäusern einer Wohnungsgenossenschaft mit ein paar verstreuten, sauber gestutzten Büschen und einem Holzzaun davor. Ein Vogel hopst auf der ewigen Futtersuche durch dieses tapfere Stück Natur. Sie sieht ihn im Augenwinkel, es ist ein Amselmännchen. Doch es ist ungewöhnlich. Es hat unregelmäßige, schneeweiße Flecken in seinem schwarzen Gefieder. Sie ist etwas verwirrt, will es genauer sehen und folgt ihm vor dem Holzzaun bei seinem Weg durch die kleinen Vorgärten. Er ist sehr flink, verschwindet unter einem Busch, kommt wieder hervor, hüpft zurück und wieder vor. Es ist schwierig, ihn genauer zu betrachten. Irgendwann ist er dann auf der Straße und deutlich zu sehen. Er sieht aus, als hätte er die Weißfleckenkrankheit. Der Bus kommt und sie steigt ein, immer noch beeindruckt von dieser seltenen Laune der Natur.

Nur ein Stück Torte

Vorsichtig öffnen sie vor ihr das kunstvoll mit Seidenpapier eingeschlagene Kuchentablett aus Pappe. Es ist immer wieder schön anzusehen, wie fein und gekonnt Sahnetorte mit Papier für den Transport vom Konditor nach Hause geschützt wird. Nur echte Kuchenverkäuferinnen haben dieses Meisterwerk erlernt. Gespannt schaut die alte Dame dabei zu.

Wie immer ist sie perfekt gekleidet, mit Rock und Bluse und mit Pumps. Wie immer ist ihr schütteres weißblondes und dauergewelltes Haar sorgfältig und streng nach hinten gekämmt. Niemals würde sie sich in ihrem Haus in Hausschuhen sehen lassen. Ob sie überhaupt welche hat?

Schon seit langem fährt sie kein Auto mehr, sie ist über 90 und recht vergesslich. Selber Einkaufen kann sie schon lange nicht mehr.

Die Urenkelinnen haben für ihren Besuch bei ihrem bevorzugten Konditor ihren Lieblingskuchen ausgewählt, um der Uroma ihr geliebtes klassisches Kaffeetrinken zu ermöglichen. Ein Stück Walnuss-Marzipan-Torte. Für sich selber haben sie Kuchen ohne Sahne ausgesucht. Der Kaffee ist gekocht und steht duftend auf dem Tisch. Das feine Geschirr steht auf gestärkter Tischdecke und der Kuchen darf aus seiner Schutzhülle befreit werden. Beim Anblick des Kuchentabletts stutzt die alte Dame, schaut ihre Enkelin und Urenkelinnen bestürzt an und fragt: „Wie, nur EIN Stück TORTE? Und was esst Ihr?“

Wie konnte ihre Familie nur vergessen haben, dass es hier im Haus immer weit mehr als ein Stück Kuchen oder Torte pro Gast gibt! Selbst wenn sie selber schon viel vergisst und oft nicht mehr weiß, was sie eben noch gesagt hat. Aber DAS, das weiß sie noch!

Dann aber freut sie sich auf ihren Kuchenschmaus und ihr Kummer ist schnell vergessen.

Prager Frühling

Ihr Morgenritual ist es, einen Becher Kaffee zu trinken und sich dabei online zu informieren, was so gerade in der Welt passiert. Sie liest Nachrichten von verschiedenen Zeitungen und Radiosendern. Es ist still im Haus. Im Sommer sitzt sie auf der Terrasse, im Winter in der gut geheizten Küche. Das ist ein Moment, an dem sie sich Zeit für sich nimmt, der nur ihr gehört.

Bei Deutschlandfunk Kultur stolpert sie über einen Artikel, der an den Prozess gegen Bettina Wegner im Jahr 1968 erinnert. Fünfzig Jahre ist das nun her. Die Schauspielstudentin hatte in Berlin Pankow Flugblätter verteilt, um die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ anzuprangern. Viele Jahre später konnte die spätere Liedermacherin der DDR den Rücken kehren und nach West-Berlin auswandern.

Prager Frühling 1968, das ruft in ihr Erinnerungen wach. Erinnerungen an ein dumpfes Gefühl, die sie noch sehr deutlich hat. Angst muss es gewesen sein. Fünf Jahre alt war sie damals. Sie erinnert sich daran, unterm Tisch gesessen zu haben. Der Esstisch aus rötlichem Holz mit den in den 60er-Jahren so modernen glänzenden Edelstahlbeinen, unter dem sie sich gerne verkroch, wenn es für sie brenzlig wurde. Von unten war das Holz des Tisches unbehandelt, angenehm, um mit den Fingern darüber zu streichen und um auch ein wenig, ja, wirklich nur ein klein wenig, darauf mit Wachsmalstiften zu malen und so Sorgen zu vergessen. Man konnte ihn ausziehen, größer machen, was ihn von unten sehr kompliziert aussehen ließ. Die Eltern waren da und auch die Großeltern, die im gleichen Haus, eine Etage tiefer, lebten. Vielleicht auch Freunde der Eltern, das weiß sie nicht mehr. Das Radio lief, einen Fernseher hatten sie damals nicht, sie hörten wiederholt an diesem Tag Nachrichten. Keine klassische Musik, keinen Jazz, nichts anderes, wie sonst. Bei den ernsten Gesprächen der Erwachsenen, die dieses Mal ohne Lachen verliefen, fielen die Worte „Krieg“ und „Angst“. Was Krieg bedeutet, hatte sie schon aus ausführlichen Erzählungen erfahren. Die Grausamkeiten, Verluste, den Hunger und die Not, die der Krieg mit sich gebracht hatte. Der Schrank mit den letzten Habseligkeiten des ihr unbekannten Onkels – mit altem Spielzeug, ein paar hart gewordenen, braunen Kindersandalen, einem verbeulten Wehrmachtshelm, einem komischen, eckigen Abzeichen und dem seltsamen, muffigen Geruch im Schrank – stand im Büro des Großvaters und war heilig. Sie wusste, dass der andere Opa auch nicht ihr richtiger Opa war. Aber für sie gab es keinen anderen, also war er ihr Opa.

Und Angst stand im Raum, bei den Großen und übertrug sich auf sie. Ganz beklommen fühlte sie sich, sie wagte es nicht, aus ihrem Versteck zu kommen. Sie hörte das Wort „Panzer“, hörte die besorgten Worte des Nachrichtensprechers. Auch wusste sie, wie ein Panzer aussah. Bilder davon hatte sie ja gesehen. Bilder vom Krieg hatte sie gesehen – oder besser das, was man einem kleinen Kind zeigen mag. Die waren nicht schön und gefielen ihr nicht. So grau und so viele kaputte Häuser. So viele Menschen mit schmutziger, armseliger Kleidung, die Frauen mit Kopftüchern, die Kinder schmutzig und alle furchtbar dünn. Angstgefühle, sie wusste, was das bedeutet. Sie wollte nicht, dass es wieder Krieg gibt, vielleicht hat sie auch ein wenig geweint. Sie wollte nicht, dass der Papa und die Opas sterben und die ganzen anderen Menschen. Sie wollte nicht, dass alles wieder kaputt gemacht wird und dass Bomben explodieren, wenn diese furchtbaren Sirenen, die jetzt ja nur zum Ausprobieren, ob sie noch funktionieren, heulten. Angstgefühle. Sie verstand nicht, warum man Sirenen ausprobieren muss. Es gab doch keinen Krieg mehr. Hilflos fühlte sie sich gegenüber den Erwachsenen. Am liebsten hätte sie das Radio ausgemacht. Aber sie wusste auch, dass das nichts ändern würde. Es gibt vielleicht wieder Krieg und er ist näher, als man es sich wünscht.

Manchmal, wenn sie das Weltgeschehen von heute verfolgt und sieht, wie die aktuell führenden Politiker agieren, kommt dieses Gefühl der Beklommenheit wieder in ihr hoch.

Sie

Jeden Morgen und jeden Abend ist sie unermüdlich. Freundlich, liebevoll, mit leisen, geschmeidigen Bewegungen. Bis alle satt und zufrieden wieder gehen. Um nichts brauchen sich die Gäste kümmern. Nur aussuchen, was sie essen möchten, auf Teller auftürmen und sich setzen. Sie serviert ihnen die Getränke, merkt sich nach zwei Tagen ihre Zimmernummer, die sie auch in Deutsch und Englisch kennt. Sanft legt sie ihnen den Beleg zum Unterschreiben auf den Tisch, nimmt ihn wieder mit. Wenn sie fertig sind, räumt sie mit einer bewundernswerten Eleganz ihre Hinterlassenschaften weg, deckt die Tische wieder sauber ein und wischt, in die Hocke gehend, auf, wenn etwas heruntergefallen ist.

Viele der Gäste haben ihre Eleganz nicht, essen ohne Manieren, als wären sie alleine. Sie haben die Ellenbogen auf dem Tisch, stopfen sich das Essen in ihre Münder, kauen, schieben nach, ohne den vorherigen Bissen heruntergeschluckt zu haben, schieben ihre Teller zur Seite und würdigen sie keines Blickes.

Ihre dunklen lockigen Haare sind immer glattgekämmt zu einem Zopf im Nacken gebändigt und geben ihr hübsches Gesicht frei. Dabei verstecken die dicken Haare ihre Ohren. Ihre Uniform ist makellos, nur ihre Schuhe sind ausgetreten und scheinen ihre Füße nur schlecht zu halten. Doch läuft sie mit einer derartigen Leichtigkeit, dass sie mehr zu schweben scheint. Auch mit vielen Tellern auf den Armen, die sie gekonnt stapelt.

Zwei eigenständig lebende Katzen haben die Restaurantterrasse als ergiebige Nahrungsquelle entdeckt und umstreichen miauend die Beine in Erwartung dicker Brocken. Sie schaut die Gäste fast schüchtern und entschuldigend an, weil die Katzen die Gäste stören könnten. Am liebsten würde sie wohl die Tiere vor die Tür schicken, weil sie hier nichts zu suchen haben.

In der Saison wird sie wohl, zusammen mit den anderen Angestellten, in den ärmlichen Unterkünften leben, die versteckt im Wald ein Stück vom Hotel entfernt liegen. Wo mag sie herkommen, wo mag sie Zuhause sein? Hat sie eine Familie, einen Mann und Kinder? Verdient sie hier ihr Auskommen für das ganze Jahr?

Prinzregententorte

Durch die schönste Gegend gefahren werden, das Mittelmeer immer an der rechten Seite. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Das Auto ist bequem. Die Straße ist kurvig, beeindruckende Felsformationen erscheinen und verschwinden wieder. Abrupte Abhänge zum Meer gehen über in steile Wände auf der linken Seite der Straße. Geröll der gelblichen Felsen liegt am Straßenrand. Gestrüpp wechselt sich ab mit grünen Pflanzen. Auf dem Meer  zeigen sich Inseln, die im Vorbeifahren ihre Form zu ändern scheinen. Erst sieht man sie von Norden, dann entweichen sie nach einiger Zeit mit ihrer Südseite dem Blick nach der nächsten Kurve. Manche sind bewohnt, andere karg und fast ohne Vegetation. Sie liegen da wie dicke Walrösser. Immer wieder sieht man Schiffe, Segelboote, Kutter und Motoryachten vorbeihuschen. Bald müssten sie eigentlich an der Fähre ankommen, wenn sie sich richtig erinnert.

Sie schaut raus und genießt die Aussicht. Noch einmal die Urlaubsorte besuchen, die sie so gemocht hat, bevor … ja, jetzt geht es eben noch ganz gut, das Reisen. Die breite Krempe ihres Strohhutes wippt vergnügt im leisen Fahrtwind. Plötzlich dreht sie sich mit einem schelmischen Gesichtsausdruck zu ihrer Tochter um und meint: „Und jetzt ein Stück Prinzregententorte!“

Ungehobelte Worte

Ansprechbar war er durchaus noch, aber reden wollte er nicht mehr.

Seine stahlblauen Augen leuchteten klar wie eh und je, wenn er einen ansah. Er zuppelte auch immer noch an seinem dünnen grauen Bart herum. Das Rasieren war unmöglich geworden, weil sie ihn hätten verletzen können. Vollkommen abgemagert war er, Arme und Beine steckten wie dünne Äste im Rest seines Körpers. Seine gealterte Haut umspann seine Knochen wie gegerbtes Handschuhleder. Das Essen und Trinken hatte er eingestellt. Er wehrte sich gegen sämtliche Versuche, das Leben in ihm zu erhalten.

Im Alltag war seine Wortwahl eher grob gewesen, obwohl er ein kluger und hochgebildeter Akademiker war. Er  wusste genau, wie man sich gewählt ausdrückt und hatte dies als Kind in einem Akademikerzuhause gelernt. Von der Mundart seiner Heimat hörte man nichts. Manchmal diskutierte er sogar mit seinen ehemaligen Kommilitonen auf Latein, wenn sie vorher entsprechend  tief ins Glas geschaut hatten. Nur ein einziges, wirklich ein einziges Mal sprach er noch: „Die ganze Scheiße wird immer schlimmer.“ Danach verstummte er, für immer.

War seine ungehobelte Ausdrucksweise, war sein unendlich starker Wille, den er ein letztes Mal in seinem Leben gezeigt hatte ein Protest, ein Aufbäumen gegen ein Leben, das nie seins gewesen ist, das er aber so gelebt hat, weil er mit dem Wort ‚Gehorsam‘ aufgewachsen war?

Das Hotel

Auf den ersten Blick hat es die Eleganz, die es verspricht. Es ist apricotfarben, scheint sich kaum verändert zu haben. Beim Reinkommen fällt auf, dass einer der vier Sterne, die stolz am Eingang prangen, ganz leicht schief hängt. Die Hochsaison ist vorbei, es sind nur wenige Gäste da. Vornehmlich Busreisende und ältere Leute, die ja gerne Urlaub machen, wenn es nicht mehr so heiß ist.

In der Lobby muss die Zeit stehengeblieben sein. Farben und Einrichtung erinnern vage an die 70er Jahre. Die kreisrunde Rezeption ist aus dunkelrotem, glänzendem Kunstharz, der dazu passende Teppich hat große weiße Punkte. Die Dekoration ist in rot, orange und gelb gehalten, es sind geometrische Figuren, die an Tapetenmuster aus dieser Zeit erinnern. Von der Decke, die drei Etagen höher aus Milchglas besteht und das Licht hereinkommen lässt, hängen orangefarbene, gelbe und rote zylinderförmige Lampenschirme, die offensichtlich auch ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Die Bar aus grauschwarzem Stein ist mit ineinandergeschachtelten, abgerundeten Rechtecken verziert. Die Barhocker und die Stühle sind schräg gestellte Halbschalen auf einem angerosteten Edelstahlsockel. Sicher waren sie, bevor sie mit inzwischen müde gewordenem grauem Stoff überzogen wurden, auch orangefarben und dunkelrot, so wie die Rezeption. Ein milder Versuch der Modernisierung ist das sonstige Mobiliar aus dem gerade modernen Kunstrattan. Genauso unpassend, aber elegant, ist der renovierte und ausgestattete Pool. Die Sonnenschirme mit dem Schriftzug der Hotelkette sind von mehreren Sommern Abschirmung ergraut. Der Speisesaal hat zwar annähernd moderne Möbel, einige Pflanzen leben in gemauerten Kästen, aber die Eleganz eines modernen 4-Sterne-Restaurants hat er nicht.

In den Etagen liegt ein noch unruhigerer Bodenbelag als in der Lobby. Die Punkte haben noch ein paar graue  Kreise um sich herum.

Die Zimmer haben mittelbraun lasierte Schränke mit schlecht zu schiebenden Türen. Die Minibar im Schrank ist leer, weil der Kühlschrank kaum noch Leistung bringt. Das Sofa sieht aus wie damals, aber es ist in gutem Zustand. Die schweren farblich fast passenden Vorhänge wurden seit langem schon nicht mehr bedient. Sie dienen nur zur Dekoration und es ist besser, sie nicht zu bewegen. Irgendwelche Insekten haben darin vor langem mal röhrenförmige Nester gebaut.  Der Schreibtisch passend zum Einbauschrank hat auch den Charme vergangener Tage. Der darauf stehende Flachbildschirm-Fernseher mutet dagegen futuristisch an. Die Fenstertür schließt nicht mehr, doch der Fensterladen davor, der nur mit Mühe auf- und zugeht. Er schließt mit einem Haken, den man in eine Öse einhängen kann. Das erklärt, wie die fliegenden Insekten im Winter einen ungestörten Zugang gehabt haben müssen.

Auf dem Balkon zeigt die von weitem so makellose Fassade Blasen und abblätternde, notdürftig überstrichenen Stellen. Am ganzen Gebäude sieht man bei genauerem Hinsehen Hautkrebs. Schwarze Stellen, bröckelnder Putz, Rostspuren, Kalkränder.

Die Liegen am weitläufigen Fels- und Kieselstrand sind aus weißem Kunststoff. Der Harz von den großen alten Pinien hinterlässt seine gelben Spuren. Der Kunststoff ist leicht brüchig geworden in der heißen Sonne des Südens. Die Begrenzungsrohre der Minigolfanlage sind rostig, die Farbe auf den Bahnen abgeblättert. Eine Tischtennisplatte aus Beton wurde schon vor längerer Zeit stillgelegt. Auf dem Spielplatz steht eine Bank aus Beton, der Stein ist von dem Metallgerippe abgeplatzt, die Holzbretter darauf mit Kabelbindern befestigt. Die Spielgeräte sind in einem Zustand, dass es beunruhigt, die Kleinen dort mit den angerotteten Geräten spielen zu sehen. Beinahe übertrieben wirkt das moderne Mobiliar in der Strandbar.

In der Lobby stehen zwei große Rollplakate. Sie verkünden stolz mit schönen Bildern von der nun anstehenden großen Renovierung und Modernisierung, die in acht Tagen beginnen wird. Welch ein Glück, dieses Hotel, das seine besten Tage nun hinter sich hat, noch einmal so gesehen zu haben, wie es in der Erinnerung an glückliche Urlaubstage in der Kindheit ausgesehen hat.

Die vier jungen Männer

Fröhlich lachend, balgen sich vier junge Männer auf dem Bahnsteig eines Provinzbahnhofs. Es ist Samstagabend, eine Dame steht neben ihnen, die auch auf die Regionalbahn wartet. Sie knuffen sich freundschaftlich, geben sich Kopfnüsse, versuchen, sich gegenseitig an ihren kurzen und sauber gestutzten Bärten zu zupfen. Dabei sind sie peinlich darauf bedacht, die gepflegten Frisuren nicht durcheinanderzubringen. Ihre sich Arabisch  anhörende Sprache klingt angenehm. Sie ziehen sich Süßigkeiten aus dem Bahnsteigautomaten. Die Dame neben ihnen beobachtet sie schmunzelnd und geht dabei ein wenig auf und ab. Auf der Höhe des Automaten angekommen, fragt sie einer der jungen Männer, ob sie wohl auch an den Automaten wolle und zieht dabei seine Freunde etwas unsanft zur Seite. Sie verneint lachend und antwortet, dass es dort drinnen ja viele Leckereien gäbe. Der Junge, der sie angesprochen hat meint daraufhin: „Ja, aber teeeuer!“ Sie reißen die Tüten mit Bedacht auf und bieten der Dame höflich und auf den Boden schauend, von ihrem Reiseproviant an. Sie nimmt sich mit Freude über so viel Freundlichkeit ein Bonbon.

Die Regionalbahn kommt und ist völlig überfüllt mit Fußballfans auf dem Nachhauseweg. Da der Bahnhof die Endstation ist, bevor die Bahn wieder zurück in die Großstadt fährt, steigen alle aus. Sie hinterlassen die Waggons in einem traurigen Zustand. Der Boden ist übersät mit Flaschen und ausgegossenem Inhalt. Es stinkt nach Alkohol. Bierflaschen, Schnapsfläschchen, Flaschen für Softdrinks, Dosen und Einwegflaschen liegen wild durcheinander und zum Teil zertreten. Die Dame, die vier jungen Männer und auch andere Passagiere steigen ein. Die vier sind erstaunt über die Disziplinlosigkeit der deutschen Fußballfans.  Die Dame sagt nach einem kurzen Überblicken der Flaschenmenge: „Hier liegt ja viel Geld herum! Wollt Ihr die Flaschen nicht zusammensammeln und sie wegbringen? Da könnt ihr bestimmt zehn Euro verdienen. “ Sie schauen sie schüchtern an und fragen: „Darf man das?“ Sie antwortet: „Ja, natürlich dürft Ihr das!“ und die vier gehen fröhlich lachend auf die Jagd. Andere junge Passagiere betrachten sie mitleidig und meinen abfällig:“ Ich habe genug Geld Zuhause, das brauche ich nicht aufheben.“ und setzen sich. Nachdem die vier eine große Tüte, die sie im Zug gefunden haben, bis zum Rand gefüllt haben, liegen immer noch Flaschen herum. Eine noch unversehrte Dose Bier schenken sie der Dame mit der Bemerkung, dass sie das ja nicht trinken würden. Sie kramt zwei Einkaufsbeutel aus ihrer Handtasche, die sie den fleißigen Sammlern schenkt.

An der nächsten Station steigen sie mit prall gefüllten Einkaufsbeuteln wieder aus, winken ihr noch freundlich zu und verschwinden in die Nacht.

Pianobar

Antizyklisch dekadent bei einem Cocktail in der komplett leeren Pianobar eines Hotels sitzen, während draußen die Sonne strahlt und die vielen Menschen den Sommer genießen. Die leise Musik genießen, die der Mann am Klavier nur für sie spielt. Den gelangweilten Barkeeper beobachten, der die Flaschen milimetergenau gerade rückt, die Gläser zu lange poliert und Zitronenscheiben exakt schneidet. Warten auf den Sonnenuntergang und durstige Gäste.

Konstanten

Es gibt so manche Konstanten im Leben, die beruhigen, aber auch nachdenklich machen.

Seit fast 16 Jahren lebt sie nun in dem beschaulichen kleinen Dorf. Es gibt, und gab ihrem Eindruck nach, schon immer den 8Uhr-Bus in die Stadt. Gefühlt jedes Mal, wenn sie diesen Bus nimmt, steht an der Haltestelle schon ein Mann in ihrem Alter. Er hat das immer gleiche Outfit an, Jeans, schwarze Schuhe, schwarze Wetterjacke. Im Gegenteil zu ihr ist er nicht ergraut, oder fällt es bei dem blonden und kurzgeschorenen Haar nicht auf?
Nie hat er eine Tasche dabei, höchstens einen schwarzen Schirm, wenn es regnet. Jedes Mal raucht er seine Zigarette, zeitlich so perfekt, dass er sie beim Eintreffen des Busses fertig geraucht hat. Er würdigt den anderen Fahrgästen nie einen Blick, schaut sich höchstens mit leicht traurigem und etwas verschreckt scheinendem Blick um.
Welchen Beruf mag er wohl ausüben? Ist er in der Verwaltung tätig? Bewältigt er wohl den ganzen Tag Papierberge, geht Mittags in die Kantine und fährt um 17:30h wieder zurück? Auf dem Rückweg ist er ihr noch nie bewusst begegnet.

Was mag passiert sein, wenn er eines Tages nicht mehr am 8Uhr-Bus steht?