Sie besuchen mit ihrem kleinen Enkel ein Museumsdorf. Mehr als alles andere interessieren ihn die zwei alten Hunde einer anderen Besucherin. Er hat schon gelernt, dass Hunde normalerweise „Wau Wau“ bellen. Einer der beiden Hunde, eine undefinierbare Promenadenmischung, laut seiner Besitzerin mit etwas englischem Bullterrier, gibt jedoch nur jaulende, klagende Laute von sich. Der kleine Junge schaut das Tier an, schaut dann verdutzt zu seiner Großmutter, zeigt auf den Hund und fragt: „Miaaau?“

Die sechs Stunden lange Zugfahrt konnte sie ihn geschickt verbergen. Vielleicht war der eine oder andere Passagier auf ihn aufmerksam geworden und hatte sich seinen Teil gedacht. Gemessen an seinem Äußeren kann man sich durchaus ein falsches Bild von ihm machen. Das ist verständlich, ihr aber ziemlich egal. Trotzdem verbarg sie ihn lieber, denn in Deutschland können nur wenige Menschen im positiven Sinne etwas mit ihm anfangen. In der Einkaufstasche war er gut aufgehoben.

Am Heimatbahnhof im Norden angekommen, wird sie mit ihrem umfangreichen Gepäck von ihrer Familie abgeholt, die gerade einen Spaziergang gemacht hat. Sie wollen noch gemütlich Kaffee trinken, bevor alle wieder ihrer Wege gehen.

Im Café bemerkt der offene und gastfreundliche Kellner sofort die Einkaufstasche eines bekannten französischen Supermarktes. Was sie denn Gutes eingekauft hätte. Er würde diese, für uns Deutsche so unfassbar gut sortierte Einkaufsmöglichkeit sehr lieben und wäre gerne dort. Sie wagt es und öffnet die Tasche, um ihm den Inhalt zu präsentieren. Verzückt schaut er hinein, entdeckt ihn, den sie so sorgfältig verborgen gehalten hatte und atmet tief durch. „Oh, das ist ja köstlich! Und dazu einen schönen gehaltvollen Landwein. Den, den man hier in Deutschland zu 15 Euro die Flasche kaufen kann und in Frankreich an der Weintankstelle des Weinkellers für 5 Euro den Liter. Und dazu ein krosses, gut durchgebackenes Baguette!“ Dabei schließt er die Augen, legt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand  zart aneinander, streckt die drei anderen Finger hoch und führt die Hand vollendet elegant von links nach rechts an der Nase vorbei. „Käse, französischer Käse, sowas Köstliches! So etwas Leckeres bekommt man hier nur selten. Nur Käse, der nicht reif ist, kein Aroma hat und nach nichts schmeckt.“

Sie freut sich, einen Kenner und Gourmet getroffen zu haben, der den schwierig zu deutenden Duft aus ihrer Einkaufstasche zu schätzen weiß. Wäre die französische Käseplatte nicht ein Geschenk, sie hätte den Kellner am liebsten sofort zum Abendessen eingeladen.

Mitten in der Großstadt wartet sie auf den Bus. Vor ihr eine breite Straße mit viel Verkehr. Hinter ihr die mageren Vorgärten von rot geklinkerten Mietshäusern einer Wohnungsgenossenschaft mit ein paar verstreuten, sauber gestutzten Büschen und einem Holzzaun. Ein Vogel hopst auf der ewigen Futtersuche durch dieses tapfere Stück Natur. Sie sieht ihn im Augenwinkel, es ist ein Amselmännchen. Doch es ist ungewöhnlich. Es hat unregelmäßige, schneeweiße Flecken in seinem schwarzen Gefieder. Sie ist etwas verwirrt, will es genauer sehen und folgt ihm vor dem Holzzaun bei seinem Weg durch die kleinen Vorgärten. Er ist sehr flink, verschwindet unter einem Busch, kommt wieder hervor, hüpft zurück und wieder vor. Es ist schwierig, ihn genauer zu betrachten, so schnell bewegt er sich.

Irgendwann ist er auf der Straße und deutlich zu sehen. Er sieht aus, als hätte er die Weißfleckenkrankheit. Der Bus kommt und sie steigt ein, immer noch beeindruckt von dieser seltenen Laune der Natur.

Vorsichtig öffnen die Mädchen das Seidenpapier, das kunstvoll ein Kuchentablett aus Pappe umhüllt. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie fein und gekonnt Sahnetorte für den Transport vom Konditor nach Hause geschützt wird. Nur echte Kuchenverkäuferinnen haben dieses Meisterwerk erlernt. Gespannt schaut die alte Dame dabei zu. Einer der schönsten Momente des Tages ist für sie das klassische Kaffeetrinken.

Wie immer ist sie perfekt gekleidet, mit Rock, Bluse und Pumps. Ihr schütteres, weißblondes und dauergewelltes Haar ist wie gewohnt sorgfältig und streng nach hinten gekämmt. Niemals würde sie sich in ihrem Heim in Hausschuhen sehen lassen. Ob sie überhaupt welche hat? Sie ist über 90 und recht vergesslich. Schon seit langem fährt sie kein Auto mehr. Selber Einkaufen gehen ist für sie auch nicht mehr möglich. Deswegen waren die Mädchen beim bevorzugten Konditor der Urgroßmutter und haben ihr ein Stück Lieblingstorte mitgebracht, Walnuss-Marzipan-Sahnetorte. Für sich selber haben die Mädchen einen Blechkuchen ausgesucht.

Der frisch gebrühte Kaffee steht duftend auf dem Tisch, das feine Geschirr auf gestärkter Tischdecke. Der Kuchen ist von seiner Schutzhülle befreit. Beim Anblick des Kuchentabletts stutzt die alte Dame, schaut ihre Urenkelinnen bestürzt an und fragt: „Wie, nur EIN Stück TORTE? Und was esst Ihr?“

Wie konnte ihre Familie nur vergessen haben, dass es hier im Haus immer weit mehr als ein Stück Kuchen oder Torte pro Person gibt! Selbst wenn sie schon viel vergisst und oft nicht mehr weiß, was sie eben noch gesagt hat. Das jedoch weiß sie noch!

Dann aber freut sie sich auf ihren Kuchenschmaus, und ihr Kummer ist schnell vergessen.

Ihr Morgenritual ist es, einen Becher Kaffee zu trinken und sich dabei online zu informieren, was gerade in der Welt passiert. Sie liest Nachrichten von verschiedenen Zeitungen und Radiosendern. Im Sommer sitzt sie dabei auf der Terrasse, im Winter in der geheizten Küche. Es ist still im Haus. Das ist ein Moment, an dem sie sich Zeit für sich nimmt, der nur ihr gehört.

Bei Deutschlandfunk Kultur stolpert sie über einen Artikel, der an den Prozess gegen Bettina Wegner im Jahr 1968 erinnert. Fünfzig Jahre ist das nun her. Die Schauspielstudentin hatte in Berlin Pankow Flugblätter verteilt, um die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ anzuprangern. Viele Jahre später konnte die spätere Liedermacherin der DDR den Rücken kehren und nach West-Berlin auswandern.

1968, Prager Frühling. Das ruft in ihr Erinnerungen wach, an ein dumpfes Gefühl, das sie heute noch sehr deutlich spürt: Angst. Fünf Jahre alt war sie damals. Sie erinnert sich, unter dem Esstisch gesessen zu haben. Er war aus rötlichem Holz und hatte glänzende Edelstahlbeine, was in den 60er Jahren so modern war. Unter dem verkroch sie sich gerne, wenn es für sie brenzlig wurde. Von unten war das Holz des Tisches unbehandelt, angenehm, um mit den Fingern darüber zu streichen. Und um auch ein wenig, ja, wirklich nur ein ganz klein wenig darauf mit Wachsmalstiften zu malen und so Sorgen zu vergessen. Man konnte ihn ausziehen, größer machen, was ihn von unten sehr kompliziert aussehen ließ.

Die Eltern waren da und auch die Großeltern, die eine Etage tiefer im gleichen Haus lebten. Vielleicht auch Freunde der Eltern, das weiß sie nicht mehr. Das Radio lief, einen Fernseher hatten sie damals nicht, sie hörten wiederholt an diesem Tag Nachrichten. Keine klassische Musik, keinen Jazz, nichts anderes, wie sonst. Bei dem ernsten Gespräch der Erwachsenen, das dieses Mal ohne Lachen verlief, fielen die Worte „Krieg“ und „Angst“. Was Krieg bedeutet, hatte sie schon aus ausführlichen Erzählungen erfahren. Die Grausamkeiten, Verluste, den Hunger und die Not, die der Krieg mit sich gebracht hatte. Der Schrank mit den letzten Habseligkeiten des ihr unbekannten Onkels – mit altem Spielzeug, ein paar hart gewordenen, braunen Kindersandalen, einem verbeulten grüngrauen Helm, einem komischen, eckigen Abzeichen und dem seltsamen, muffigen Geruch – stand im Büro des Großvaters und war heilig. Sie wusste, dass der andere Opa auch nicht ihr richtiger Opa war. Aber für sie gab es keinen anderen.

Angst stand im Raum, bei den Erwachsenen und übertrug sich auf sie. Sie fühlte sich ganz beklommen und wagte es nicht, aus ihrem Versteck zu kommen. Aus dem Radio drang das Wort „Panzer“, sie hörte die besorgten Worte des Nachrichtensprechers. Sie wusste auch, wie ein Panzer aussieht. Bilder davon hatte sie gesehen. Bilder vom Krieg  – oder besser das, was man einem kleinen Kind zeigen mag. Die waren nicht schön und gefielen ihr nicht. So grau und viele kaputte Häuser. Viele Menschen mit schmutziger, armseliger Kleidung, die Frauen mit Kopftüchern, die Kinder schmutzig und alle furchtbar dünn. Angstgefühle, sie wusste, was das bedeutet. Sie wollte nicht, dass es wieder Krieg gibt. Vielleicht hat sie auch ein wenig geweint. Sie wollte nicht, dass der Papa und die Opas sterben und die ganzen anderen Menschen, dass alles wieder kaputt gemacht wird und dass Bomben explodieren. Sie hasste diese furchtbaren Sirenen, die jetzt ja nur zur Probe, ob sie noch funktionieren, heulten. Angstgefühle. Sie verstand nicht, warum man Sirenen ausprobieren muss. Es gab doch keinen Krieg mehr. Sie fühlte sich hilflos gegenüber den Erwachsenen. Am liebsten hätte sie das Radio ausgemacht. Aber sie wusste auch, dass das nichts ändern würde.

Manchmal, wenn sie das Weltgeschehen von heute verfolgt und sieht, wie die führenden Politiker agieren, kommt dieses Gefühl der Beklommenheit in ihr wieder hoch.

Jeden Morgen und Abend arbeitet sie unermüdlich. Freundlich, liebevoll, mit leisen, geschmeidigen Bewegungen. Bis alle satt und zufrieden wieder gehen. Die Gäste brauchen sich um nichts kümmern, nur aussuchen, was sie essen möchten, es auf ihre Teller auftürmen und sich setzen. Sie serviert ihnen die Getränke, merkt sich nach zwei Tagen ihre Zimmernummer, die sie auch in Deutsch und Englisch kennt. Sanft legt sie ihnen den Beleg zum Unterschreiben auf den Tisch, nimmt ihn wieder mit. Wenn die Gäste fertig sind, räumt sie mit einer bewundernswerten Eleganz die Hinterlassenschaften weg, deckt die Tische wieder sauber ein und wischt den Boden auf, wenn etwas heruntergefallen ist.

Viele der Gäste haben nicht ihre Eleganz, essen ohne Manieren, als wären sie alleine. Die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, stopfen sie sich das Essen in den Mund, kauen, schieben nach, ohne den vorherigen Bissen heruntergeschluckt zu haben, schieben ihre Teller zur Seite und würdigen sie keines Blickes.

Ihre dunklen lockigen Haare sind immer glatt gekämmt und zu einem Zopf im Nacken gebändigt, sodass ihr hübsches Gesicht zu sehen ist und nur ihre Ohren verdeckt sind. Ihre Uniform ist makellos, nur die Schuhe sind ausgetreten und scheinen ihre Füße schlecht zu halten. Doch sie läuft mit einer derartigen Leichtigkeit, dass sie zu schweben scheint; auch noch mit vielen Tellern auf den Armen, die sie gekonnt stapelt.

Zwei streunende Katzen haben die Restaurantterrasse als ergiebige Nahrungsquelle entdeckt und umstreichen miauend die vielen Beine in Erwartung dicker Brocken. Sie schaut die Gäste fast schüchtern und entschuldigend an, weil die Katzen stören könnten. Am liebsten würde sie die Tiere wohl vor die Tür schicken.

In der Saison wird sie vermutlich, zusammen mit den anderen Angestellten, in den ärmlichen Unterkünften leben, die, ein Stück vom Hotel entfernt, versteckt im Wald liegen. Wo mag sie herkommen? Hat sie eine Familie, einen Mann, Kinder? Verdient sie hier ihr Geld für das ganze Jahr?

Durch die schönste Gegend in Richtung Süden gefahren werden, das Mittelmeer immer an der rechten Seite. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Im bequemen Auto lässt es sich gut aushalten. Die kurvige Straße klebt an der zum Teil recht schroffen Felswand, die beeindruckende Formen hat. Mal sieht man nur Felswand, mal das glitzernde Wasser. Sanfte Abhänge zum Meer gehen über in steile Mauern. Geröll des gelblichen Gesteins liegt am Straßenrand. Die zwar regelmäßig, aber auf Lücke aufgestellten und als Straßenbegrenzung dienenden Steinquader geben ein leichtes Schwindelgefühl beim Herunterschauen. Wirres Gestrüpp wechselt sich ab mit grünen Pflanzen.

Auf dem Meer zeigen sich Inseln, die im Vorbeifahren ihre Form zu ändern scheinen. Erst sieht man sie von Norden, dann, nach der übernächsten Kurve, entweichen sie mit ihrer Südseite dem Blick. Manche sind bewohnt, andere karg und fast ohne Vegetation. Sie liegen da, schroff, dick und kalkweiß. Die kurvenreiche Straße lässt Schiffe, Segelboote, Kutter und Motoryachten auftauchen und verschwinden. Bald müssten sie eigentlich an der Fähre ankommen, wenn sie sich richtig erinnert.

Sie schaut raus und genießt die Aussicht. Noch einmal die Urlaubsorte besuchen, die sie so gemocht hat, bevor … ja, jetzt geht es eben noch ganz gut, das Reisen. Die breite Krempe ihres Strohhutes wippt vergnügt im leichten Fahrtwind. Plötzlich dreht sie sich mit einem schelmischen Gesichtsausdruck zu ihrer Tochter im Fond des Autos um und sagt: „Und jetzt ein Stück Prinzregententorte!“

Ansprechbar war er durchaus noch, aber reden wollte er nicht mehr. Seine stahlblauen Augen leuchteten klar wie eh und je, wenn er einen ansah. Er zuppelte auch immer noch an seinem dünnen grauen Bart herum. Das Rasieren war unmöglich geworden, weil man ihn hätten verletzen können. Vollkommen abgemagert war er, Arme und Beine steckten wie dünne Äste im Rest seines Körpers. Seine gealterte Haut umspann seine Knochen wie gegerbtes Handschuhleder. Das Essen und Trinken hatte er eingestellt. Schläuche, die man in seine Venen gesteckt hatte, um ihn zu versorgen, riss er sich heraus. Er wehrte sich gegen sämtliche Versuche, das Leben in ihm zu erhalten.

Im Alltag war seine Wortwahl eher grob gewesen, obwohl er ein kluger und hochgebildeter Akademiker war. Er wusste genau, wie man sich ausdrückt, er hatte dies als Kind in einem Akademikerzuhause gelernt. Von der Mundart seiner Heimat Ruhrgebiet hörte man nichts. Manchmal diskutierte er sogar mit seinen ehemaligen Kommilitonen auf Latein, wenn sie vorher entsprechend tief ins Glas geschaut hatten.

Nur einmal sprach er noch: „Die ganze Scheiße wird immer schlimmer.“ Danach verstummte er, für immer.

War seine ungehobelte Ausdrucksweise, sein unendlich starker Wille, den er ein letztes Mal in seinem Leben gezeigt hatte, ein Protest? War sie ein Aufbäumen gegen ein Leben, das nie seins gewesen ist, das er aber so gelebt hat, weil er mit dem Wort ‚Gehorsam‘ aufgewachsen war?

Auf den ersten Blick hat es die Eleganz, die es im Prospekt verspricht. Es ist apricotfarben, scheint sich kaum verändert zu haben. Als erstes fällt auf, dass einer der vier Sterne, die stolz am Eingang prangen, leicht schief hängt.

Die Hochsaison ist vorbei, es sind nur wenige Gäste da, vornehmlich Busreisende, ältere Leute, die gerne Urlaub machen, wenn es nicht mehr so heiß ist. In der Lobby muss die Zeit stehengeblieben sein. Farben und Einrichtung erinnern vage an die 70er-Jahre.

Die kreisrunde Rezeption ist aus dunkelrotem glänzendem Kunstharz, der dazu passende Teppich hat große weiße Punkte. Die Dekoration ist in rot, orange und gelb gehalten. Es sind geometrische Figuren, die an Tapetenmuster aus dieser Zeit erinnern. Von der Decke drei Etagen höher, die aus Milchglas besteht und das Licht hereinlässt, hängen orangefarbene, gelbe und rote Lampenschirme, die offensichtlich auch ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben.

Die Bar aus grauschwarzem Stein ist mit ineinander geschachtelten, abgerundeten Rechtecken verziert. Die Barhocker und die Stühle sind schräg gestellte Halbschalen auf einem angerosteten Edelstahlsockel. Bevor sie mit inzwischen müde gewordenem grauem Stoff überzogen wurden, waren sie bestimmt auch orangefarben und dunkelrot, wie die Rezeption. Ein milder Versuch der Modernisierung ist das sonstige Mobiliar aus dem aktuell überall zu findenden Kunstrattan.

Genauso unpassend, aber elegant, ist der renovierte und mit edlen Holzliegen ausgestattete Pool. Die Sonnenschirme mit dem Schriftzug der Hotelkette sind von mehreren Sommern Abschirmung ergraut. Im Speisesaal stehen zwar neuere Möbel – zum Beispiel leben einige Pflanzen in gemauerten Kästen – aber die Eleganz eines modernen 4-Sterne-Restaurants hat er nicht.

In den Etagen liegt ein noch unruhigerer Bodenbelag als in der Lobby. Die weißen Punkte sind hier auch noch von grauen Kreisen umgeben. Die Zimmer haben mittelbraun lasierte Schränke mit schlecht zu schiebenden Türen. Die Minibar im Schrank ist leer, weil der Kühlschrank kaum noch Leistung bringt. Das Sofa sieht aus wie damals, ist aber in gutem Zustand. Die schweren, farblich fast passenden Vorhänge wurden seit langem schon nicht mehr angerührt. Sie dienen nur zur Dekoration und es ist besser, sie nicht zu bewegen. Irgendwelche Insekten haben darin vor einiger Zeit röhrenförmige Nester gebaut. Der Schreibtisch hat, wie der Einbauschrank, auch den Charme vergangener Tage. Der darauf stehende Flachbildfernseher sieht dagegen futuristisch aus. Die Balkonschiebetür schließt nicht mehr, der Fensterladen davor schon, aber er geht nur mit Mühe auf und zu. Er schließt nur mit einem Haken, den man in eine Öse einhängen kann. Die Insekten haben also im Winter einen ungestörten Zugang gehabt.

Auf dem Balkon zeigt die von weitem so makellose Fassade Blasen und abblätternden Putz, der notdürftig überstrichenen ist. Am ganzen Gebäude sieht man schwarze Stellen, Rostspuren und Kalkränder. Das Hotel hat Hautkrebs.

Die weißen Liegestühle am weitläufigen Fels- und Kieselstrand sind mit dem gelblichen Harz der großen alten Pinien markiert. Der Kunststoff ist brüchig und rau geworden in der heißen Sonne des Südens. Beinahe übertrieben wirken dagegen die modernen Möbel der Strandbar.

Die Begrenzungsrohre der Minigolfanlage sind rostig, die Farbe auf den Bahnen abgeblättert. Eine Tischtennisplatte aus Beton wurde schon vor längerer Zeit stillgelegt.

Auf dem Spielplatz steht eine Bank aus Beton, der Stein ist von dem Metallgerippe abgeplatzt, die Holzbretter darauf mit Kabelbindern befestigt. Die Spielgeräte sind in einem verrotteten Zustand, dass es beunruhigt, die Kleinen dort spielen zu sehen.

In der Lobby stehen zwei große Rollplakate. Sie verkünden stolz von der großen Renovierung und Modernisierung, die in acht Tagen beginnen wird. Ein Glück, dieses Hotel noch einmal so erlebt zu haben, wie es in der Erinnerung an glückliche Urlaubstage in der Kindheit war. Obwohl es seine besten Tage schon lange hinter sich hat.

Lachend balgen sich vier junge Männer auf dem Bahnsteig eines Provinzbahnhofs. Es ist Samstagabend. Nur eine Dame steht neben ihnen, die auch auf die Regionalbahn wartet. Sie knuffen sich freundschaftlich, geben sich Kopfnüsse, versuchen, sich gegenseitig an ihren sauber gestutzten Bärten zu zupfen. Dabei sind sie peinlich darauf bedacht, ihre gepflegten Frisuren nicht durcheinander zu bringen. Ihre sich Arabisch anhörende Sprache klingt angenehm. Sie ziehen sich Süßigkeiten aus dem Bahnsteigautomaten.

Die Dame beobachtet sie schmunzelnd und geht dabei auf und ab. Auf der Höhe des Automaten angekommen, fragt sie einer der jungen Männer, ob sie wohl auch an den Automaten wolle und zieht dabei seine Freunde recht unsanft zur Seite. Sie verneint lachend und antwortet, dass es dort drinnen ja viele Leckereien gäbe. Der junge Mann meint daraufhin: „Ja, aber teeeuer!“ Sie öffnen ihre Tüten mit Bedacht und bieten der Dame höflich und auf den Boden schauend von ihrem Reiseproviant an. Sie nimmt sich mit Freude über so viel Freundlichkeit ein Bonbon.

Die Regionalbahn kommt völlig überfüllt mit Fußballfans auf dem Nachhauseweg an. Alle steigen aus, da der Bahnhof die Endstation ist, bevor die Bahn wieder zurück in die Großstadt fährt. Sie hinterlassen die Waggons in einem traurigen Zustand. Der Boden ist übersät mit Flaschen und ausgegossenem Inhalt. Es stinkt nach Alkohol. Pfandflaschen für Bier und Softdrinks, Dosen, Schnaps- und Einwegflaschen liegen wild durcheinander. Zum Teil sind sie zertreten. Die Dame, die vier jungen Männer und andere Passagiere steigen ein. Die vier sind erstaunt über die Disziplinlosigkeit der deutschen Fußballfans. Die Dame sagt nach einem kurzen Überblicken der Flaschenmenge: „Hier liegt ja viel Geld herum! Wollt Ihr die Flaschen nicht einsammeln und sie wegbringen? Da könnt ihr bestimmt zehn Euro verdienen!“ Die jungen Männer schauen sie schüchtern an und fragen: „Darf man das?“ „Ja, natürlich dürft Ihr das!“ antwortet sie und die vier gehen fröhlich lachend auf die Jagd. Andere junge Passagiere betrachten sie mitleidig und meinen abfällig: “Ich habe genug Geld, das brauche ich nicht aufheben.“ Nachdem die vier eine Plastiktüte bis zum Rand gefüllt haben, liegen immer noch Flaschen herum. Eine noch unversehrte Dose Bier schenken sie der Dame mit der Bemerkung, dass sie das ja nicht trinken würden. Sie kramt zwei Einkaufsbeutel aus ihrer Handtasche und schenkt sie den fleißigen Sammlern.

An der nächsten Station steigen sie mit prall gefüllten Einkaufsbeuteln wieder aus, winken ihr noch freundlich zu und verschwinden in die Nacht.