Leise knistert die Tüte aus Cellophan zwischen den Händen. Eine dunkelgrüne Satinschleife auf dem goldfarbenen Tütenclip verrät das Geschenkpaket. Der ebenfalls grüne und unscheinbare Aufdruck in einem altmodischen Design auf dem untersten Viertel der Tüte gibt nüchtern den süßen Inhalt an. Besonders vielversprechend sieht das Ganze nicht aus. Zudem ist es sehr schwer zu bekommen. In den klassischen Filialen der bekannten Einzelhandelsketten liegt es nicht in den Regalen. Nur im zu dem kleinen Werk gehörenden Geschäft im Zentrum, in ausgewählten Teeläden dieser Stadt und online, in einem sehr schlicht gehaltenen Shop, kann man es kaufen. In den Social Media ist der Hersteller praktisch nicht vertreten. Keiner würde sich hier inspirieren lassen.

Das gleiche Produkt, das es anscheinend überall, das es schon seit über 200 Jahren, in einer großen Vielfalt, als vornehmes Café in seiner Ursprungsstadt und in den edelsten, bunten und glänzenden Verpackungen gibt, hat einen sehr bekannten Namen. Es ist als Mitbringsel, als elegant verpacktes Unternehmenspräsent und natürlich auch bei vielen Süßschnäbeln beliebt. Die Onlinepräsenz stammt sicher von einer guten Werbeagentur, so schön wie die Webseite und der Social Media-Auftritt sind.

Die Preise sind in etwa gleich. Nein, das unscheinbare Produkt ist etwas teurer.

Vergleicht man, was für diese Nascherei verarbeitet wurde, sieht man sofort den Unterschied. Schaut man, wie lange es noch im Schrank stehen darf, sollte man die wenig attraktive Süßigkeit recht schnell aufessen. Das passiert dann auch, denn beim Reinbeißen merkt man deutlich diesen Unterschied. Es zerbricht auch leicht, sieht bei unvorsichtiger Behandlung  schnell unschön aus.

Also: Das Markenprodukt sieht schön aus, ist gut verpackt und lange haltbar. Es ist in vielen Varianten vertreten, wird ansprechend und inspirierend präsentiert und überall zu haben.

Das einfach gehaltene Produkt ist unscheinbar, ja, unmodern verpackt, nur kurze Zeit haltbar und schwer zu bekommen. Doch der Inhalt ist viel hochwertiger als bei dem Markenprodukt, was man erst auf den zweiten Blick – und vor allem durch die Geschmacksnerven entdeckt.

Tja, welchem Produkt vertraut man eher? Und welches wird eher gewählt, das mit bekanntem Namen und einer schillernden Präsenz oder das ohne Namen? Wer hat sich noch nie in die Irre führen lassen, vielleicht auch, um sich selber und andere mit einer Marke zu beeindrucken? Wer hat sich noch nie verleiten lassen – wohlwissend, dass nur das Äußere schön, der Inhalt aber weniger gut ist – ein Produkt oder auch eine Leistung aufgrund des Namens zu wählen? Oder auch: kann man Qualität wirklich erkennen – oder ist es der Name, der Qualität glaubhaft vorgaukelt, auch wenn sie nur gering ist?

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