Prager Frühling

Ihr Morgenritual ist es, einen Becher Kaffee zu trinken und sich dabei online zu informieren, was so gerade in der Welt passiert. Sie liest Nachrichten von verschiedenen Zeitungen und Radiosendern. Es ist still im Haus. Im Sommer sitzt sie auf der Terrasse, im Winter in der gut geheizten Küche. Das ist ein Moment, an dem sie sich Zeit für sich nimmt, der nur ihr gehört.

Bei Deutschlandfunk Kultur stolpert sie über einen Artikel, der an den Prozess gegen Bettina Wegner im Jahr 1968 erinnert. Fünfzig Jahre ist das nun her. Die Schauspielstudentin hatte in Berlin Pankow Flugblätter verteilt, um die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ anzuprangern. Viele Jahre später konnte die spätere Liedermacherin der DDR den Rücken kehren und nach West-Berlin auswandern.

Prager Frühling 1968, das ruft in ihr Erinnerungen wach. Erinnerungen an ein dumpfes Gefühl, die sie noch sehr deutlich hat. Angst muss es gewesen sein. Fünf Jahre alt war sie damals. Sie erinnert sich daran, unterm Tisch gesessen zu haben. Der Esstisch aus rötlichem Holz mit den in den 60er-Jahren so modernen glänzenden Edelstahlbeinen, unter dem sie sich gerne verkroch, wenn es für sie brenzlig wurde. Von unten war das Holz des Tisches unbehandelt, angenehm, um mit den Fingern darüber zu streichen und um auch ein wenig, ja, wirklich nur ein klein wenig, darauf mit Wachsmalstiften zu malen und so Sorgen zu vergessen. Man konnte ihn ausziehen, größer machen, was ihn von unten sehr kompliziert aussehen ließ. Die Eltern waren da und auch die Großeltern, die im gleichen Haus, eine Etage tiefer, lebten. Vielleicht auch Freunde der Eltern, das weiß sie nicht mehr. Das Radio lief, einen Fernseher hatten sie damals nicht, sie hörten wiederholt an diesem Tag Nachrichten. Keine klassische Musik, keinen Jazz, nichts anderes, wie sonst. Bei den ernsten Gesprächen der Erwachsenen, die dieses Mal ohne Lachen verliefen, fielen die Worte „Krieg“ und „Angst“. Was Krieg bedeutet, hatte sie schon aus ausführlichen Erzählungen erfahren. Die Grausamkeiten, Verluste, den Hunger und die Not, die der Krieg mit sich gebracht hatte. Der Schrank mit den letzten Habseligkeiten des ihr unbekannten Onkels – mit altem Spielzeug, ein paar hart gewordenen, braunen Kindersandalen, einem verbeulten Wehrmachtshelm, einem komischen, eckigen Abzeichen und dem seltsamen, muffigen Geruch im Schrank – stand im Büro des Großvaters und war heilig. Sie wusste, dass der andere Opa auch nicht ihr richtiger Opa war. Aber für sie gab es keinen anderen, also war er ihr Opa.

Und Angst stand im Raum, bei den Großen und übertrug sich auf sie. Ganz beklommen fühlte sie sich, sie wagte es nicht, aus ihrem Versteck zu kommen. Sie hörte das Wort „Panzer“, hörte die besorgten Worte des Nachrichtensprechers. Auch wusste sie, wie ein Panzer aussah. Bilder davon hatte sie ja gesehen. Bilder vom Krieg hatte sie gesehen – oder besser das, was man einem kleinen Kind zeigen mag. Die waren nicht schön und gefielen ihr nicht. So grau und so viele kaputte Häuser. So viele Menschen mit schmutziger, armseliger Kleidung, die Frauen mit Kopftüchern, die Kinder schmutzig und alle furchtbar dünn. Angstgefühle, sie wusste, was das bedeutet. Sie wollte nicht, dass es wieder Krieg gibt, vielleicht hat sie auch ein wenig geweint. Sie wollte nicht, dass der Papa und die Opas sterben und die ganzen anderen Menschen. Sie wollte nicht, dass alles wieder kaputt gemacht wird und dass Bomben explodieren, wenn diese furchtbaren Sirenen, die jetzt ja nur zum Ausprobieren, ob sie noch funktionieren, heulten. Angstgefühle. Sie verstand nicht, warum man Sirenen ausprobieren muss. Es gab doch keinen Krieg mehr. Hilflos fühlte sie sich gegenüber den Erwachsenen. Am liebsten hätte sie das Radio ausgemacht. Aber sie wusste auch, dass das nichts ändern würde. Es gibt vielleicht wieder Krieg und er ist näher, als man es sich wünscht.

Manchmal, wenn sie das Weltgeschehen von heute verfolgt und sieht, wie die aktuell führenden Politiker agieren, kommt dieses Gefühl der Beklommenheit wieder in ihr hoch.

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