Im Gewirr eines wild wuchernden, ziemlich stacheligen Weißdornbusches, der nun seinen Herbstschnitt bekommt, ein kleines und nun leeres Vogelnest entdecken. Es ist in einer Astgabel verankert, aus der drei dicke Äste wachsen und das Nest sicher halten. Darüber viele kleine Zweige, die ein schützendes Dach bilden. Leider müssen diese Zweige der unbarmherzigen, aber notwendigen Beschneidung weichen, was den Blick auf das Nest freigibt. Es ist kunstvoll geflochten. Kein einziger Zweig stört das Innere, steht hervor oder davon ab. Die Aushöhlung ist kreisrund. In einer sehr regelmäßigen Schichtung wird das Vogelkükenbett von innen nach außen immer dicker. Noch hängen kleine, weiche Federchen darin fest. Fast möchte man ein Vogelküken sein, um sich dort einmal einzukuscheln.

Bei einem Filmfest im Foyer darauf warten, dass man Einlass bekommt. Die vorherige Vorstellung ist noch nicht beendet, im Saal wird wohl noch angeregt über den vorangegangenen Film diskutiert.

Sich also in einen Sessel setzen, die Augen schließen, einfach warten. Im Brabbeln der anderen Wartenden eine angenehme Hintergrundmusik empfinden. Keinen Zeitdruck haben, weder Hunger, noch Durst. Es ist angenehm warm, der Sessel bequem. Zeit haben, um Menschen zu beobachten, die sich teils ruhig, teils angeregt unterhalten. Manche warten auch einfach nur, ohne etwas zu tun. Es gibt hier im Souterrain keinen Netzempfang. So sind die Besucher sich selber, ihren Begleitern und Nachbarn ausgeliefert.

Dann amüsiert und schmunzelnd einen Besucher beobachten, der von einem Fuß auf den anderen tritt, immer wieder demonstrativ den linken Arm hebt, auf die Uhr schaut, unwirsche Laute ausstößt und dann ruft, es könne sich ja jetzt nur noch um Stunden handeln.

Dieser Moment, in dem man nur kurz die Augen schließt. In dem der Blutdruck steigt, man die Zähne zusammenbeißt und Luft durch die Zahnzwischenräume einzieht. In dem man die Hände ins Lenkrad krampft …

Das Auto ist zum Bersten gepackt, dahinter ein Anhänger mit all den Habseligkeiten und Möbeln eines WG-Zimmers, die sich in ein paar Jahren Ausbildung angesammelt haben. Aufgrund des Wetters ist man schon so spät losgefahren, dass die Dunkelheit schon angebrochen ist. Die Autobahn ist zum Glück nicht sehr voll.

Ein leichter Ruck geht durchs Auto, als wäre man über eine sanfte Welle in der Straße gefahren. Der Wagen verlangsamt. Man drückt auf das Gaspedal – vergeblich, es kommt nichts. Der Motor verstummt. Das einzige Lebenszeichen des Autos sind die Anzeigelichter am Armaturenbrett. Das Auto läuft langsam aus, man steuert den Standstreifen an und denkt nur noch: Nein! Warum? Und warum ausgerechnet an diesem gottverlassenen Abschnitt der Autobahn!

Den Wecker morgens früher stellen, beim Wecken den Snooze-Knopf drücken und ein sanftes Licht anknipsen. Dankbar sein für weitere acht Minuten Ruhen, ein sauberes und warmes Bett, für Gesundheit, Frieden und Freiheit. Vielen Menschen, in Kriegsgebieten, auf der Flucht, den Gestrandeten der Gesellschaft, ist dieser Luxus nicht gegönnt. Gedanken einfach kommen und fließen lassen. Es genießen, sie einfach wieder vergessen zu dürfen. Dankbar sein, lieben zu dürfen und geliebt zu werden. Einen dieser geliebten Menschen neben sich zu haben, seinen Atem zu hören, die Hand auf ihn zu legen, sich vor dem Aufstehen noch einmal ankuscheln zu dürfen.

Zahlen, Daten, Fakten. 21 Menschen, 8 Nationalitäten.

Ihr Alter:

von 13 bis 51 Jahre alt.

Ihr Wissensstand:

Von: „Analphabet bis vor drei Jahren und die Muttersprache weder schreiben noch lesen können, dafür aber in Deutsch alphabetisiert sein“, über: „nie eine Schule besucht“, bis zu: „studiert mit Abschluss und lange Jahre gearbeitet“.

Ihre Deutschkenntnisse:

Von: „seit vier Monaten“, bis zu: „drei Jahre schon Deutsch lernen“.

Ihre Charaktere:

Von: „recht selbstbewusst und immer zu Scherzen und Neckereien aufgelegt“, über: „sehr freundlich und still“, bis zu: „schweißgebadet am ganzen Körper, wenn man sie anspricht“.                         

Von: „sehr offen gegenüber den menschlichen Unterschieden und Eigenschaften“, bis zu: „nur das, was ich in meinem Land gelernt habe, ist richtig, oder?“

Ihre Einstellung zur Religion:

von: „Religion praktizierend, am Freitagsgebet teilnehmend und Kopftuch tragend“, über: ich respektiere die Religiosität, praktiziere aber nur moderat“, bis zu: „natürlich esse ich Schweinefleisch, trinke Alkohol, trage kurze Röcke und habe einen Freund. Religion ist mir vollkommen egal“.

Ihr Gesichtsausdruck:

wenig verstehen und ausdrücken zu können, gibt allen Menschen den gleichen fragenden Blick. Es ist spannend, wie sich der Ausdruck in ihren Gesichtern ändert, wenn sie ihre Muttersprache sprechen, alles verstehen und ausdrücken können.

Alle zusammen sind eine lernbereite, fröhliche, immer lachende, ständig lärmende, sich gegenseitig unterstützende und respektierende, überwiegend hilfsbereite und mitfühlende, ja freundschaftlich gesinnte Lerngruppe. Alle wollen gemeinsam es erreichen: Deutsch lernen, um arbeiten und für sich selbst verantwortlich sein zu können – und in Frieden und in Freiheit zu leben.

Leise knistert die Tüte aus Cellophan zwischen den Händen. Eine dunkelgrüne Satinschleife auf dem goldfarbenen Tütenclip verrät das Geschenkpaket. Der ebenfalls grüne und unscheinbare Aufdruck in einem altmodischen Design auf dem untersten Viertel der Tüte gibt nüchtern den süßen Inhalt an. Besonders vielversprechend sieht das Ganze nicht aus. Zudem ist es sehr schwer zu bekommen. In den klassischen Filialen der bekannten Einzelhandelsketten liegt es nicht in den Regalen. Nur im zu dem kleinen Werk gehörenden Geschäft im Zentrum, in ausgewählten Teeläden dieser Stadt und online, in einem sehr schlicht gehaltenen Shop, kann man es kaufen. In den Social Media ist der Hersteller praktisch nicht vertreten. Keiner würde sich hier inspirieren lassen.

Das gleiche Produkt, das es anscheinend überall, das es schon seit über 200 Jahren, in einer großen Vielfalt, als vornehmes Café in seiner Ursprungsstadt und in den edelsten, bunten und glänzenden Verpackungen gibt, hat einen sehr bekannten Namen. Es ist als Mitbringsel, als elegant verpacktes Unternehmenspräsent und natürlich auch bei vielen Süßschnäbeln beliebt. Die Onlinepräsenz stammt sicher von einer guten Werbeagentur, so schön wie die Webseite und der Social Media-Auftritt sind.

Die Preise sind in etwa gleich. Nein, das unscheinbare Produkt ist etwas teurer.

Vergleicht man, was für diese Nascherei verarbeitet wurde, sieht man sofort den Unterschied. Schaut man, wie lange es noch im Schrank stehen darf, sollte man die wenig attraktive Süßigkeit recht schnell aufessen. Das passiert dann auch, denn beim Reinbeißen merkt man deutlich diesen Unterschied. Es zerbricht auch leicht, sieht bei unvorsichtiger Behandlung  schnell unschön aus.

Also: Das Markenprodukt sieht schön aus, ist gut verpackt und lange haltbar. Es ist in vielen Varianten vertreten, wird ansprechend und inspirierend präsentiert und überall zu haben.

Das einfach gehaltene Produkt ist unscheinbar, ja, unmodern verpackt, nur kurze Zeit haltbar und schwer zu bekommen. Doch der Inhalt ist viel hochwertiger als bei dem Markenprodukt, was man erst auf den zweiten Blick – und vor allem durch die Geschmacksnerven entdeckt.

Tja, welchem Produkt vertraut man eher? Und welches wird eher gewählt, das mit bekanntem Namen und einer schillernden Präsenz oder das ohne Namen? Wer hat sich noch nie in die Irre führen lassen, vielleicht auch, um sich selber und andere mit einer Marke zu beeindrucken? Wer hat sich noch nie verleiten lassen – wohlwissend, dass nur das Äußere schön, der Inhalt aber weniger gut ist – ein Produkt oder auch eine Leistung aufgrund des Namens zu wählen? Oder auch: kann man Qualität wirklich erkennen – oder ist es der Name, der Qualität glaubhaft vorgaukelt, auch wenn sie nur gering ist?

Pianobar

Antizyklisch dekadent bei einem Cocktail in der komplett leeren Pianobar eines Hotels sitzen, während draußen die Sonne strahlt und die vielen Menschen den Sommer genießen. Die leise Musik genießen, die der Mann am Klavier nur für sie spielt. Den gelangweilten Barkeeper beobachten, der die Flaschen milimetergenau gerade rückt, die Gläser zu lange poliert und Zitronenscheiben exakt schneidet. Warten auf den Sonnenuntergang und durstige Gäste.

Über das Warten, den Prager Frühling und ein Stück Prinzregententorte.

Mit Worten malen. Bunte Bilder, einfarbige Bilder. Fröhliche und nachdenkliche Bilder. Momentaufnahmen wie ein Foto, wie eine kurze Filmsequenz. Ich möchte diese Momente dehnen, um sie im Kopf beim Lesen, beim Zuhören dreidimensional werden zu lassen. Ich möchte die Zeit raffen, um Wichtiges zu unterstreichen. Ich möchte die Sinne ansprechen, um hören, riechen, tasten, schmecken,  sehen, spüren zu können.

Ich möchte auch Bilder malen, die zum Nachdenken anregen sollen. Dabei kommen auch Erinnerungen auf. Erinnerungen an ganz kurze Momente. Erinnerungen, die durch Begegnungen und Situationen hervorgerufen werden, für einen kurzen Moment wieder aufleben, bevor sie im Speicher des Gehirns wieder säuberlich eingeräumt werden.

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