Sie treten aus dem Haus hinaus in die Kühle des jungen Herbsttages. Die Sonne blinzelt zwischen den Ästen der Bäume hindurch. Es ist Sonntag, acht Uhr morgens. Fast mag man die Autotür nicht zuschlagen aus Sorge, jemanden unsanft zu wecken. Bei einem alten Auto machen Türen und Kofferraum nun mal mehr Lärm, bis sie geschlossen sind. Leise fahren sie an.

Die Hauptstraße ihres Dorfes führt an einer Pferdekoppel vorbei. Die Pferde darauf ruhen noch.

Eine Frau mittleren Alters fällt ihnen auf, die entgegen der Fahrtrichtung die Straße entlangläuft. Sie trägt einen eleganten, leuchtend lilafarbenen Overall, ein dünnes graues Jäckchen, eine Abendtasche und recht hochhackige, der Situation nicht gerade angemessene Schuhe. Während die Frau erstaunlich schnell läuft, tippt sie etwas in ihr Handy ein.

200 Meter weiter fahren sie an einem Haus vorbei. Es ist ein recht stattlicher, moderner Bungalow. In der Einfahrt zum Grundstück steht ein Mann. Sein weißes Hemd mit offenem Kragen hängt ihm aus der schwarzen eleganten Hose. Hosenträger baumeln ihm rechts und links vom Hosenbund an den Oberschenkeln herab. Sein ergrautes Haar ist zerknautscht, die Hände hat er in den Hosentaschen vergraben. Er schaut der Frau hinterher, regt sich aber nicht. Sein Blick scheint ins Leere zu gehen.

Den Wecker morgens früher stellen, beim Wecken den Snooze-Knopf drücken und ein sanftes Licht anknipsen. Dankbar sein für weitere acht Minuten Ruhen, ein sauberes und warmes Bett, für Gesundheit, Frieden und Freiheit. Vielen Menschen, in Kriegsgebieten, auf der Flucht, den Gestrandeten der Gesellschaft, ist dieser Luxus nicht gegönnt. Gedanken einfach kommen und fließen lassen. Es genießen, sie einfach wieder vergessen zu dürfen. Dankbar sein, lieben zu dürfen und geliebt zu werden. Einen dieser geliebten Menschen neben sich zu haben, seinen Atem zu hören, die Hand auf ihn zu legen, sich vor dem Aufstehen noch einmal ankuscheln zu dürfen.

Aus dem Haus duftet es köstlich nach Kaffee, dann wieder nach Rouladen und Rotkohl. Gespräche, die ab und zu von einem Lachen begleitet werden, wehen durch den Garten. Eine elektrische Heckenschere ist unermüdlich im Einsatz. Mit  ihrem nervtötenden Lärm zerreißt sie den sonnigen Tag. Rauchpausen werden eingelegt, wo die beiden sich zusammensetzen.

Als er beginnt, von „Püppchen“ zu erzählen, wird seine sonst raue und laute Stimme ganz sanft. Seine blassen, zusammengekniffenen Augen, die eine undefinierbare Farbe haben, schauen dabei in eine leere Ferne. Wenn er von „Püppchen“ spricht, spürt man den weichen, zärtlichen Kern, der sich hinter einer vernarbten und harten Schale versteckt. Er ist ein alter Seemann, brummig und eigen, der gerne seinen Zorn in die Welt donnert.

Er hat „seine Püppchen“ aufopfernd gepflegt, bis sie nach langer Krankheit elendig gestorben ist. Er hat alles für sie getan, was er konnte. Er hat ihr alles ermöglicht, was in seiner Macht stand. Er ist umgezogen mit ihr, in eine Wohnung im Erdgeschoss, damit sie es besser hat. Damit sie aus dem Fenster ins Grüne schauen kann und er sie nicht mehr die Treppen hochtragen muss. Dabei hätte er ihr doch weh getan.

Aber es hätte alles nichts genützt, „alles nichts genützt“. Dabei hätte sie sich doch schon wieder ein wenig erholt. Aber alles war umsonst. Hätte er sie denn sterben lassen sollen damals? Ermorden? Hätte er die Entscheidung treffen sollen, sie nicht an Schläuche legen zu lassen? Das konnte er nicht! Das konnte niemand von ihm verlangen, als der Arzt ihn damals gefragt hatte, was sie tun sollen. Zwei Jahre hat er sie gepflegt und keinen an sie herangelassen. Sie hätten ihr doch nur weh getan. Sie wussten doch nicht, was ihr gut tut. Wie sie sie schon im Krankenhaus behandelt haben, das war das Letzte. Dort wäre sie doch gestorben!

Verbittert ist er, das Lachen fällt ihm schwer. Er versucht, so viel wie möglich zu arbeiten, obwohl er es nicht braucht, das Geld. Ein geschickter Handwerker ist er und kann eigentlich alles, was in Haus und Garten anfällt. Seine Kraft erhält sich der alte Seebär durch das viele Arbeiten, er, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr zur See gefahren ist und seine Püppchen in ihrem gemeinsamen Nest behütet hat. Zweiundfünfzig Jahre lang.

Die alte Dame, mit der er gerade eine Zigarette raucht und Kaffee trinkt, lebt alleine – weil sie es so will. Sie möchte sich ihre Eigenständigkeit erhalten, solange es nur irgendwie geht. Auch wenn sie manchmal an ihren Schmerzen verzweifelt. Einsam fühlt sie sich nicht, aber oft allein. Dabei hat sie so gerne Gesellschaft und viele Menschen um ihren Tisch herum. So wie früher, als alle noch zu ihr kamen. Das ist leider viel seltener geworden. Warum soll sie noch großartig kochen, wenn es niemanden gibt, der mit ihr isst? Wenn die Menschen nicht mehr um ihren Tisch sitzen und bei einem guten Essen viele Stunden bei ihr verbringen? Deshalb tut sie es kaum noch. Aber es fehlt ihr auch.

Sie liebt ihren großen Garten. Er ist eine der Quellen ihres Glücklichseins. Sie liebt die vielen Vögel, die Spatzen, Amseln, Meisen und Schwalben, die ihr täglich Gesellschaft leisten. Die Vögel haben eine große Wasserschale, die immer gefüllt ist, und auch im Sommer aufgeschnittene Äpfel und Vogelfutter. Doch sie kann den Garten nicht mehr ganz alleine bewältigen.

Die Gesellschaft des anderen für einen Tag tut ihnen beiden gut. Sie hat für jemanden etwas Gutes gekocht, er findet Linderung für seine Trauer bei der Gartenarbeit. Sie hat Unterstützung bei der Gartenpflege, er hat etwas Leckeres zu essen. Er hat jemanden zum Reden, sie hört ihm zu oder tut wenigstens so. Er will arbeiten, sie möchte, dass er Pausen macht. Als es ans Bezahlen seiner guten Arbeit geht, streiten sie sich. Er berechnet seine Stunden ihrer Meinung nach zu knapp. Sie möchte ihn großzügig entlohnen. Sie tätschelt seine stoppelige Wange, er muss gehorchen. Schließlich ist sie drei Jahre älter als er. Er gibt nach.

Sie haben sich erneut verabredet. Im Frühjahr wird er ihr wieder im Garten helfen.


Mit dem Finger streicht das Mädchen an dem weichen hellgrauen PVC-Belag entlang, der über ihr die Decke ihrer Koje auskleidet. Sie liegt noch in ihren Schlafsack eingemummelt, der von außen klamm und kalt ist. Neben ihr schläft ihr Bruder. Das Segelboot schaukelt leicht, durch die Bullaugen blinzelt das Tageslicht schon herein. Draußen gluckert das Wasser an der Bordwand. Durch den Wind erzeugt die Takelage am Mast ein regelmäßiges, helles und metallisches Klicken, Klingeln und Schlagen. Sie mag diese Geräusche.

An der Verkleidung hängen Wassertropfen, die beim Berühren kitzelnd auf ihr Gesicht und ihre Haare fallen. Langsam fährt sie mit dem Finger weiter in Richtung Bruder. Die Tropfen fallen auf der ganzen Linie. Nun treffen sie ihren Bruder, was sie zum Lachen bringt. Sie zieht Kreise über ihm und es tropft. Er wacht auf, erschreckt sich, protestiert laut. Sie gackert vor Freude, und wieder mal ist die herrlichste Geschwisterkabbelei in Gange.

Auf dem Boden liegt ein großes Blatt Papier vom Flipchart. Es hat etwa das Format DIN A1. Die kulturell und sprachlich sehr gemischte Lerngruppe steht aufgeteilt neben den beiden Breitseiten des Papierbogens. Noch ist er von der unbeschrifteten Rückseite zu sehen. Es wird gescherzt, was jetzt wohl passieren wird, eine gewisse Spannung ist zu spüren.

Der Bogen wird umgedreht. Darauf steht mit großer Druckschrift geschrieben:

NO – 9

Oder ist es:

6 – ON

Was ist richtig? Was stimmt?

Ein Schüler sagt, seine Gruppe hätte recht, denn von der anderen Seite betrachtet, würde es kein „N“ sein. Es wäre falsch herum und man könne das Wort nicht lesen. Eine laute und erregte Diskussion entsteht über das, was die Schüler sehen und dabei empfinden.

Nun werden die Schüler eingeladen, die Seiten zu wechseln. Das Erstaunen über die unterschiedliche Wahrnehmung und Interpretation dessen, was gesehen wird und gesagt wurde, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Gespräche über die unterschiedlichen Eigenschaften und Einstellungen der Menschen verlaufen ab dieser Stunde mit viel mehr Respekt, Akzeptanz und Wohlwollen.  

Zahlen, Daten, Fakten. 21 Menschen, 8 Nationalitäten.

Ihr Alter:

von 13 bis 51 Jahre alt.

Ihr Wissensstand:

Von: „Analphabet bis vor drei Jahren und die Muttersprache weder schreiben noch lesen können, dafür aber in Deutsch alphabetisiert sein“, über: „nie eine Schule besucht“, bis zu: „studiert mit Abschluss und lange Jahre gearbeitet“.

Ihre Deutschkenntnisse:

Von: „seit vier Monaten“, bis zu: „drei Jahre schon Deutsch lernen“.

Ihre Charaktere:

Von: „recht selbstbewusst und immer zu Scherzen und Neckereien aufgelegt“, über: „sehr freundlich und still“, bis zu: „schweißgebadet am ganzen Körper, wenn man sie anspricht“.                         

Von: „sehr offen gegenüber den menschlichen Unterschieden und Eigenschaften“, bis zu: „nur das, was ich in meinem Land gelernt habe, ist richtig, oder?“

Ihre Einstellung zur Religion:

von: „Religion praktizierend, am Freitagsgebet teilnehmend und Kopftuch tragend“, über: ich respektiere die Religiosität, praktiziere aber nur moderat“, bis zu: „natürlich esse ich Schweinefleisch, trinke Alkohol, trage kurze Röcke und habe einen Freund. Religion ist mir vollkommen egal“.

Ihr Gesichtsausdruck:

wenig verstehen und ausdrücken zu können, gibt allen Menschen den gleichen fragenden Blick. Es ist spannend, wie sich der Ausdruck in ihren Gesichtern ändert, wenn sie ihre Muttersprache sprechen, alles verstehen und ausdrücken können.

Alle zusammen sind eine lernbereite, fröhliche, immer lachende, ständig lärmende, sich gegenseitig unterstützende und respektierende, überwiegend hilfsbereite und mitfühlende, ja freundschaftlich gesinnte Lerngruppe. Alle wollen gemeinsam es erreichen: Deutsch lernen, um arbeiten und für sich selbst verantwortlich sein zu können – und in Frieden und in Freiheit zu leben.

Der Vorhang wird mit Schwung aufgezogen, das Fenster im Obergeschoss geöffnet. Die selbst beim Putzen immer perfekt frisierte und mindestens mit dunklem Lippenstift geschminkte Nachbarin hält ihren regenbogenfarbenen Polyesterstaubwedel mit schwarzem Stiel aus dem Fenster, klopft ihn dreimal an der Gaube ab und holt ihn wieder rein. Sie schließt energisch das Fenster, zieht mit ebensolchem Schwung den Vorhang zu. Etwa drei Minuten später öffnet sie den Vorhang wieder schwungvoll, öffnet das Fenster, hält den Staubwedel raus, klopft ihn erneut dreimal ab, holt ihn wieder rein, schließt Fenster und Vorhang. So geht es eine gute halbe Stunde, jeden Sonntagmorgen zwischen halb zehn und zehn.

Vom Esstisch in der Küche beobachtet er dieses wöchentliche Schauspiel. Fast richtet er sein Frühstück so ein, damit er dieses für ihn unverständliche Vorgehen beobachten kann. Was mag die Nachbarin wohl abstauben? Warum lässt sie das Fenster zwischen ihren Staubwedelausklopf-Momenten nicht auf? Warum öffnet sie ihr Fenster nie länger als diese fünf Sekunden? Am liebsten würde er bei ihr mal Mäuschen spielen.

Verzückt dreht und wendet sich eine Frau vor dem großen Spiegel eines Luxuskaufhauses. Ihr puppenhaftes Aussehen lässt den vermutlich häufigeren Besuch bei einem so genannten Schönheits-Chirurgen ahnen und Ihr wirkliches Alter offen. Das Kleidungsstück, das sie anprobiert, scheint wichtig für ihr Aussehen zu sein. Sie wiegt ihre Hüften vor und zurück, macht mit ihren aufgespritzten Lippen einen Kussmund, kneift die Augen zusammen, stößt Laute der Zufriedenheit aus. Dann öffnet sie das Kleidungsstück, schließt es wieder und versucht krampfhaft, sich über die Schulter von hinten zu betrachten. Sie verwuschelt ihr kurzes Haar, hält es kurz in beiden Händen und lässt es dann wieder glatt hängen.

Eine geduldige Verkäuferin steht daneben, versucht, das eine oder andere Modell gleicher Machart und Farbe von der Kleiderstange anzupreisen. Dieses hier wäre etwas schlanker geschnitten, mehr auf Taille. Das andere etwas kürzer, es würde mehr Bein zeigen. Die Kundin ist aber von dem, was sie trägt, sehr angetan. „Ach, der ist doch irgendwie … witzig!“

Die Verkäuferin stimmt zu, dass ihr der graue Bademantel wirklich ausgezeichnet stehen würde.

Das Flugzeug aus München landet mit einer halben Stunde Verspätung. Entsprechend spät geht es auch wieder zurück.

Beim Arzt ist die Wartezeit dieses Mal besonders lang. Zeitschriften liegen aus – eine Gelegenheit, sie zu lesen.

Der Akku vom Laptop ist leer, das Kabel vergessen. Eigentlich war geplant, das Wochenende am nächsten Projekt zu arbeiten.

Die Freundin, mit der man sich verabredet hat, hat Verspätung. Sie ruft nicht an und ist nicht erreichbar.

Der Reifenwechsel am Auto dauert länger als geplant. Im Büro gibt es aber einen Kaffeeautomaten.

Der Zug hat wegen eines Oberleitungsschadens so viel Verspätung, dass der Anschluss nicht mehr erreicht wird und der nächste Zug genommen werden muss.

Stau auf der Autobahn, es geht nur schrittweise voran. Das Navi fragt: „Soll in den zu-Fuß-Modus umgeschaltet werden?“

Was bringt es, sich darüber aufzuregen. Es ändert nichts an der Situation. Lieber die geschenkte Zeit genießen.

Eigentlich sind sie eine tolle Alternative zum Gürtel. Gerade für Personen mit einem voluminöseren Körperumfang.  Wenn …, wenn Mann …, wenn damit über vier Stunden in tropischer Atmosphäre getanzt wird …

Das erste Mal in seinem Leben hatte er sich einen Wolf getanzt. Hosenträger ziehen hoch! Er sprach ab sofort nur noch vom Hosenhochzieher-Punkt.