Der Vorhang wird mit Schwung aufgezogen, das Fenster im Obergeschoss geöffnet. Die selbst beim Putzen immer perfekt frisierte und mindestens mit dunklem Lippenstift geschminkte Nachbarin hält ihren regenbogenfarbenen Polyesterstaubwedel mit schwarzem Stiel aus dem Fenster, klopft ihn dreimal an der Gaube ab und holt ihn wieder rein. Sie schließt energisch das Fenster, zieht mit ebensolchem Schwung den Vorhang zu. Etwa drei Minuten später öffnet sie den Vorhang wieder schwungvoll, öffnet das Fenster, hält den Staubwedel raus, klopft ihn erneut dreimal ab, holt ihn wieder rein, schließt Fenster und Vorhang. So geht es eine gute halbe Stunde, jeden Sonntagmorgen zwischen halb zehn und zehn.

Vom Esstisch in der Küche beobachtet er dieses wöchentliche Schauspiel. Fast richtet er sein Frühstück so ein, damit er dieses für ihn unverständliche Vorgehen beobachten kann. Was mag die Nachbarin wohl abstauben? Warum lässt sie das Fenster zwischen ihren Staubwedelausklopf-Momenten nicht auf? Warum öffnet sie ihr Fenster nie länger als diese fünf Sekunden? Am liebsten würde er bei ihr mal Mäuschen spielen.

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